Hallo Deutschland

„Liebste Marzena,

ich hoffe, Dir geht es gut?  Ich verstehe, wenn Du nie wieder mit mir sprechen möchtest. Jetzt bin ich auch einer von ihnen, ein Verräter. Mit dem besten Grund der Welt.“

Das ist ein Auszug aus einem Brief an meine beste Freundin, als ich 12 Jahre alt war, den ich niemals abgeschickt habe.

Am 26.06.1988 verließen wir meine Heimat im Schutz der Nacht, als wären wir Diebe.
Das Auto war bis unter das Dach voll, mein kleiner Bruder schlief im Fußraum auf einer dicken Daunendecke, meine Schwester nervte unablässig mit blöden Fragen, die eine 9-jährige so in petto hat, wenn man sie Mitten in der Nacht aus dem Schlaf holt.

Meine Eltern waren beide sehr angespannt. Mama sortierte zum unzähligen Mal alle Papiere, Papa war still, seine Augen blickten jedoch sehr oft gehetzt zum Rückspiegel.
Als extrem empathisches Kind versuchte ich alle Gefühle in dem kleinen Wagen zu sortieren und mich nicht am lauten und gewaltigen Schlag meines eigenen Herzens zu verschlucken. Ich versuchte mich mit der Vorfreude auf die beiden wichtigsten Menschen in meinem Leben zu konzentrieren, die ich nach 2 Jahren endlich wiedersehen würde: Oma und Opa. Denn das war es. Offiziell. Wir hatten ein Besucher-Visum für meine in Deutschland lebenden Großeltern bekommen. Die ganze Familie.

Wochen vorher begann die leise und geheime Aktion der Existenzauflösung in der alten Heimat. Freunde, Familie, entfernte Verwandte und Bekannte, denen man vertrauen konnte, kamen und gingen und jeder nahm irgendwas mit. Schränke, Teppiche, Lampen, Mama weinte dem guten Geschirr und den selbst bestickten Tischdecken nach. Alles wurde zu Geld gemacht. Meine Aufgabe war es, meine Geschwister abzulenken, damit sie keine Fragen stellen, auf die ich selbst keine Antworten hatte, da ich zu dem Zeitpunkt noch nicht wusste, dass sich mein Leben bald drastisch ändern würde.

„Wir fahren zu Oma und Opa nach Deutschland. Wenn wir Glück haben, kommen wir nicht mehr wieder.“

Eine Aussage voller Widersprüche. Oma und Opa, ja, das war Glück. Nicht mehr wiederkommen? Was bedeutet das? Nie mehr?

„Du kannst leider nicht viel mitnehmen, eigentlich gar nichts.“

Gar nichts? Damit konnten nicht alle meine Bücher gemeint sein, mit den Widmungen vom Christkind und Nikolaus und Mama und Tanten und Oma …

„Die Hunde bleiben auch hier.“

Beide?! Was passiert mit ihnen? Im Auto ist doch Platz. Sie sind noch so klein.

„Du darfst auf keinen Fall jemandem davon erzählen. Niemandem. Nicht mal Marzena. Du sagst einfach, dass wir in die Berge fahren und dass ihr euch nach den Ferien wiedersehen werdet.“

BÄÄM.

„… Ich habe so gehofft, dass Du es mir nicht ansiehst und ich Dich nicht anlügen muss. Wir haben uns nie so umständlich in die Ferien verabschiedet, immerhin kannten wir uns unser ganzes Leben.“

Papa wurde immer nervöser, sie fingen an zu streiten. Mama fuhr Papa an, ruhig zu sein, damit er meine Geschwister nicht weckt. „Es ist besser, sie verschlafen die Grenze.“

Grenze. Es waren sogar zwei Grenzen. Eine furchteinflößende und eine nette, sagte Papa.

„Lass Dir nichts ansehen, guck ganz normal und freundlich.“

Ich legte mir die Hand an den Hals, als könnte ich mein Herz daran hindern, jeden Augenblick aus diesem zu springen.

Der Kloß im Hals wurde immer größer und ich versuchte mit dem unschuldigstem Gesicht eines 12-jährigen Kindes zu schauen, während ich uniformierte Beamte mit Hunden, müden Gesichtern und Waffen zum ersten Mal aus nächster Nähe betrachtete.  Ich wagte es nicht, tief Atem zu holen, damit der Hund und der Mensch meine Angst nicht riecht.

Die Polen waren feindselig. Die DDR-Beamten waren feindselig. Die BRDler waren gleichgültig. Mir kam es vor, als hätte ich stundenlang den Atem angehalten. Mein ganzer Körper schmerzte vor psychischer Anspannung. Der Wagen wurde Mitten in der Nacht durchsucht, wir mussten alles auf den Bordstein stellen, ein Hund schnüffelte das Auto durch. Papas Plan, nachts die Grenze zu passieren, da die Beamten ’sicher zu müde für Durchsuchungen sind‘, ging nicht auf. Es dauerte Stunden. Ich musste pinkeln, hatte Angst etwas zu sagen. Dann … 

„Wir sind in Deutschland“, sagte Papa. Mama fing an zu weinen. Meine Schwester sagte ausnahmsweise mal nichts, mein Bruder, dass er pinkeln muss und ich erlaubte mir, den Kloß aus dem Hals wieder tief in den Bauch zu schieben und die Fäuste zu lösen.

Die nächsten Jahre trug ich einen Zettel bei mir, auf dem mein neuer Name stand, den ich ständig und überall buchstabieren musste – dabei hatte ich ihn bekommen, damit ich „eingedeutscht“ bin und man keine Probleme mit „den komischen Pollacken-Namen“ hat.

Wenn Deutschland gegen Polen spielt, schlagen 2 Herzen in meiner Brust.
Ich spreche und denke deutsch, ich rechne und zähle auf polnisch, ich träume in englisch (bedingt durch einen längeren Aufenthalt in den USA).
Von den 250 Büchern, die ich als Kind hatte, habe ich noch 40 retten können, in denen ich neulich – als ich auf der Suche nach einem Gedicht für einen #spokentweet war –  noch ein paar alte Bilder und Blätter gefunden habe.

http://soundcloud.com/meggyver/tak-malo-czeslaw-milosz/s-cbSOo
Alle paar Wochen telefoniere ich mit meiner Oma in Polen und lade auf.

Ich habe die meiste Zeit meines Lebens in Deutschland verbracht.

Ich empfinde es nicht als ein Kompliment, wenn jemand sagt: „Man hört es Dir ja gar nicht an, dass Du aus Polen kommst.“
Ich spreche fünf Sprachen und Deutsch ist die schwierigste von allen, obwohl ich sie am längsten spreche, schreibe und lese.
Auch die unlogischste. Aber das unterscheidet sie ja von Mathematik.

Ich werde es niemals schaffen, die Kindheit nachzuholen, die mir nach meinem 12. Lebensjahr genommen wurde, bzw. nicht gegönnt wurde, aber ich habe das unfassbare und besondere Glück, dass ich die ersten 12 Jahre meines Lebens, ein Kind sein konnte, wie es das heutzutage leider nicht mehr gibt.

Ich habe nie die „3 ???“ gehört oder alle Astrid Lindgren-Filme gesehen, ich habe nie Sesamstraße oder die Sendung mit der Maus gesehen, wie Kinder das hier getan haben.

Dafür hatte ich meine eigenen Geschichten und Abenteuer geschrieben. Und sollte heute jemand, der mir am Herzen liegt, sagen: „Wir fahren weg und ggf. kommen wir nicht mehr wieder“, wäre ich bereit.

 

Meg,

seit 26 Jahren nur zu Besuch hier.

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8 Gedanken zu “Hallo Deutschland

  1. Ui wie spannend.
    Hast Du Marzena mittlerweile wieder getroffen? Wann wurde aus dem Besuchervisum denn ein Erlaubnis zum dauerhaften Aufenthalt, wenn ich fragen darf?

    • Ja, habe ich. Als wir wieder einreisen durften. Papa war Reservist und ist sie ersten 4 Jahre nicht in Polen gewesen.

      Da wir deutsche Vorfahren haben & in Oberschlesien lebten, waren wir quasi ‚vertriebene‘ oder ‚im Exil‘ lebende Deutsche und bekamen sofort die dt. Staatsangehörigkeit. Bei Mama hat es ein bisschen länger gedauert, da sie keine Vorfahren nachweisen konnte.

  2. uff .. was für eine geschichte.. aber es ist wie immer.. Flüchtlinge haben immer einen Grund. Sie gehen nicht gern und niemals freiwillig ..

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