MegHood

Sie kletterte auf den großen und uralten Baum und fummelte das Fernrohr aus der Umhängetasche. Die Sonne stand recht tief, in max. 2 Stunden würde sie untergehen. Sie kniff die Augen leicht zusammen und suchte den Horizont ab. Am Horizont konnte sie den Kirchturm der kleinen Stadt sehen, in der sich die Truppen des Sheriffs und seines Bluthundes Guy de Gisbourne versammelten.

Die Fallen waren ausgestellt, im Lager herrschte ein wildes Durcheinander, wie jedes Mal vor der Schlacht. Sie lächelte, als sie Bruder Tuck dabei beobachtete, wie er versuchte ein wildes Pferd dazu zu bringen, das Feld zu räumen, damit es nicht verletzt würde.

Will, Scathlock, Much und Little John prüften den Sitz ihrer Bögen und die Anzahl der Pfeile. Die ganze letzte Woche hatten wir gemeinsam die Abende dafür geopfert, Pfeile herzustellen und zu üben. Sie schaute auf die Uhr, noch 10 Minuten! Sie musste sich unbedingt eine richtige Uhr zum Geburtstag wünschen, statt dieser weißen Mädchenuhr, die sie zur Kommunion bekommen hat. Flink sprang sie vom Baum und stieß einen schrillen Pfiff aus. Nachdem alle versammelt waren, schaute sie ihre tapfere Truppe an. Will hat eine chronische Schnoddernase, schön sah das nicht aus und er wurde des Öfteren deswegen gehänselt und aufgezogen, sie fuhr sich mit dem Zeigefinger der linken Hand unter der Nase entlang und er verstand den Wink, schnell zog er ein Taschentuch aus der Tasche und schnäuzte sich. Little John hatte sich in den Kopf gesetzt, seine Hosen nur mit einer Kordel am Leib zu halten, wie er es im Buch gelesen hatte, doch sie ahnte jetzt schon, dass ihm diese spätestens beim Schwerkampf vom Hintern rutschen würde, wenn er sie nicht mehr mit einer Hand halten könnte.

Lady Marian war – außer ihr selbst – das einzige Mädchen in der Truppe der tapferen Geächteten im Wald und nicht sonderlich glücklich über die Tatsache, dass sie ein Kleid tragen musste, in dem sie – zugegebenermaßen – sehr mädchenhaft aussah, was ihre langen Haare noch zusätzlich unterstrichen. Niemand war für die Rolle der Lady Marian besser geeignet als sie. Sie war tapfer, nicht sonderlich zickig, gescheit, hatte allerdings eine Macke: Sie wollte die Mann-Frau-Sache wirklich durchziehen. Sie wollte KÜSSEN!

Das ging auf keinen Fall. Erst recht nicht vor einer Horde wilder Krieger.

 

„Heute wird es sich entscheiden“, sprach sie und schaute jedem nacheinander in die Augen, „heute wird die Entscheidung fallen, ob wir in Zukunft dieses Stück Wald räumen müssen oder weiterhin für den Frieden und Wohlstand der Armen hier kämpfen können! Alle Mann an die Waffen, es werden KEINE Gefangenen gemacht, wir sind hier nicht bei den Indianern, verstanden?“

 

„Aber gestern …“, setzte Will an.
„Gestern war Karl May, verdammt nochmal“, herrschte sie ihn an und hielt die Pyle-Bibel hoch.

In dem Moment hörte sie das Blasen eines Horns. Horn, hier? Auf dem Feld?! Sie schüttelte den Kopf und konnte es nicht fassen, dass Maciek aka Gisbourne tatsächlich ein HORN dabei hatte.

Sie nahm ihren Bogen in die Hand, zog gekonnt einen Pfeil aus dem Köcher und spannte die Sehne. Sie war bereit.

 „Booooooommel!!!“

Argh. WER wagte es?

„Booooooooooommel!!“

Doch nicht jetzt! Die feindlichen Truppen waren im Anmarsch, das Gebrüll des Horns immer deutlicher, eine Staubwolke konnte sie am Horizont bereits ausmachen, Will zog geräuschvoll die Nase hoch und rotzte einen gelben Klumpen auf den Boden. Sie konnte einiges ab, keine Frage, Blut war kein Problem, aber Rotze und Kotze drehten ihr immer noch leicht den Magen um.

„BOOOMMEL!“

Resigniert ließ sie die Schultern sinken. Marzena kam auf sie zugelaufen.

„Bommel, Deine Mama sucht Dich, es gibt Brot und Du sollst Geld holen und Dich dann schon mal anstellen, ich komme mit.“

Brot holen? Heute? Jetzt?! Nicht gegen Brot holen, es machte einen Heidenspaß in der Schlange mit einem Dutzend anderer Kinder zu stehen und Spaß zu haben, Schlachten zu planen, Pläne für die Ferien zu schmieden, auf dem Weg nach Hause das noch warme Brot essen, um mit Bauchschmerzen zuhause anzukommen und noch ein paar zu fangen dafür, dass man das halbe Brot aufgefuttert hat. Aber doch nicht heute, nicht jetzt!
Andererseits, wenn es Brot gab, müssten die Gisbourne-Trottel auch in die Schlange.

„Männer, es gibt Brot, ihr wisst, was das bedeutet! Wir müssen VOR ihnen da sein, verstanden?“

Die Jungs grinsten sie an.

„Ich hoffe, meine Mama will mehr als nur ein Laib Brot, dann bleibt unter Umständen nichts für die Idioten“, sagte John und zeigte mit dem Kopf in Richtung der feindlichen Truppen, die nur noch 2 Steinwürfe entfernt waren.

„Wer zuerst da ist, hält die Plätze frei“ rief sie, grinste die Jungs an und lief, so schnell sie konnte nach Hause. Macieks Gesichtszüge entglitten zuerst, dann warf er den Arm hoch und brüllte „Sieeeeeeeeeeeeeeeeg!“

„Hach, Irrtum“, dachte sie, grinste und lief am Friedhof vorbei, wo sie ein paar Blumen von dem Haufen vor dem Tor mitnahm. Mama würde sich freuen, solange sie nicht wusste, woher sie stammen.

Noch ahnte sie nicht, welche Folgen es haben würde, WENN Mama es eines Tages erführe. Und sie würde.

 

 

___

 

Als Kind hatte ich keinen Gameboy, kein Lego, kein Playmobil, keine Puppen. Ich hatte Plastikklötze, ein 1000-Teile Puzzle, welches meine Schwester und ich ca. 1000x zusammengebaut haben. Doch ich hatte Bücher, eine Menge Phantasie und konnte somit sowohl MegHood als auch MegWinnetou sein.

 

„Ich möchte in Deine Augen sehen und niemals entdecken, dass Du die Träume Deiner Kindheit dem Alltag geopfert hast.“ [Antoine de Saint-Exaupéry]

 

 

 

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