Depression

Ein Gastbeitrag von der wunderbaren Popo Catépetl (Twitter: @_Popo_Catepetl)

Zeit, richtig persönlich zu werden. Ich kann die „Wer sich umbringt, ist feige“-Sprüche nämlich nicht mehr hören, auch wenn es mir zum Glück nie so schlecht ging, dass ich den Freitod in Betracht gezogen habe.

Depression ist keine Traurigkeit, keine schlechte Phase, die mit einem „Reiß dich mal zusammen“ oder „Das wird schon wieder“ lösbar ist. Niemand (auch ich früher nicht), dessen Hirn „normal“ läuft, dessen Serotonin und andere Neurotransmitter problemlos hüpfen, kann sich vorstellen, wie sich das anfühlt, wenn man in einem Kokon eingeschlossen ist. Wenn man nichts spürt. Drei Monate die Wand anguckt. Das Gefühl hat, dass tonnenschwere Steine auf dem Körper liegen, die Bewegung nicht möglich machen. Wenn jeder Gang ins Bad eine Schwerstaufgabe ist, wenn um einkaufen zu gehen ein halber Tag Anlauf notwendig ist. Wenn arbeiten unmöglich ist und man als Selbständige nicht weiß, wie man die nächste Miete aufbringen soll. Wenn man sich – als eigentlich wortgewandte, selbstsichere, selbstbewusste Frau – nicht zum Arbeitsamt, ja nicht mal vor die Tür traut.

So war es bei mir, bei anderen ist es anders.

Eine Therapie und X Medikamente (mit teilweise unerträglichen Nebenwirkungen, aber keiner positiven Wirkung) später geht es mir gut. Ich mag mich. Ich bin wieder ich – mit guten und schlechten Tagen, Freude und Schmerz, Aggression und Lethargie. In Depressionszeiten war ich nicht ich sondern eine leere Hülle. Aber sobald ich das Medikament absetze, geht der Scheiß wieder los, weil die Botenstoffe warum auch immer nicht richtig laufen. Ich habe gelernt, auf mich aufzupassen, mir Auszeiten zu nehmen, und habe akzeptiert, dass diese schwarzen Löcher ein Teil von mir sind.

Es gibt Menschen, bei denen hilft nichts. Keine Therapie, kein Medikament. Die sehen eventuell keinen anderen Ausweg, als ihr Leben zu beenden. Und so traurig, so furchtbar, so unverständlich das erscheinen mag, hat das niemand zu be- und zu verurteilen.

 

Ein Gastbeitrag von der wunderbaren Popo Catépetl (Twitter: @_Popo_Catepetl)

4 Gedanken zu “Depression

  1. Ich kenne leider zu viele Depressive, die mir sehr nah sind.

    Bei einem, um den wir uns wirklich Sorgen gemacht haben, hat der Vater mal gesagt:

    „Wenn er sich wirklich umbringen will, weil er das Leben nicht mehr erträgt, dann hat er das Recht dazu. Es ist sein Leben.“

    Ich fand das damals schrecklich, kann es aber inzwischen verstehen.

    Obwohl ich natürlich immer noch oft furchtbar Angst habe, weil ich eben nicht ohne diese Menschen sein will.

  2. Genau SO ist es. Und die Starken trifft es unvorbereitet und wirklich schlimm, weil sie es so gar nicht kennen.
    Die Erkenntnis und der Mut, sich Hilfe zu holen, ist der erste Schritt.
    Aber die Angst, dass es wieder beginnt, bleibt.
    Man wird achtsamer.
    Und sehr viel offener anderen gegenüber, die ebenso kämpfen….

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