Böse Hand!

Heute ist Weltlinkshänder-Tag.

Wäre ich in einer aufgeklärten Familie aufgewachsen, würde ich diesem Tag in etwa so viel Bedeutung beimessen, wie dem Schnitzel-Blow-Job-Tag oder dem Welttag der Frisuren.

Ich bin jedoch in einem Land aufgewachsen, in dem man sich mehr Gedanken über die Gedanken anderer Menschen macht, als über das Wohlergehen der eigenen Kinder oder sich selbst.

So geschah es, dass ich – total unbeabsichtigt –  als Linkshänder auf die Welt kam. Würde man dem Aberglauben der damaligen, dörflichen Bevölkerung Bedeutung beimessen, so haben meine Eltern vermutlich ALLE S bei der Herstellung der Erstgeborenen falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Zum Glück – muss man fast schon sagen – sind meine Eltern mittlerweile so damit beschäftigt, sich um die abergläubischen Spinnereien meiner 86-jährigen Großmutter zu kümmern, dass sie aufgehört haben, an sich selbst zu zweifeln. Womöglich kommt das aber wieder als möglicher Grund für den heutigen Terror durch Oma, als eine Art späte Strafe. Doch soweit ist es noch nicht.

Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich anfing nach Dingen zu greifen, war meine Welt in Ordnung. Spätestens jedoch, als ich zum ersten Mal nach einem mir dargebotenem Buntstift griff und ein entsetztes „Na! Pfui! Nicht die böse Hand!“ hörte, änderte sich so einiges.

Ein Satz, den ich in den Folgejahren noch sehr oft zu hören bekam. „Böse“ wurde gerne auch durch „schmutzig“, „teuflisch“, „verhext“ oder „verflucht ersetzt.. Bis zu einem gewissen Alter reagiert man, als würde man vor Feuer gewarnt und macht sich keine Gedanken darüber. Meine Mama erzählte mir allerdings, dass ich eines Tages heulend im Badezimmer stand und mit einer recht groben Bürste meine Hand fast blutig schrubbte, um diese „sauber“ zu bekommen. An dem Tag hatte mich eine Frau im Bus angespuckt und „Missgeburt“ genannt, als ich ihr,  etwas überrumpelt,  die „falsche“ Hand reichte. Dafür bekam sie eine schallende Ohrfeige von meiner Oma.

Oftmals hielt ich beide Hände nebeneinander und suchte DEN Unterschied.

„Gib doch dem Onkel/Tante die Hand, aber die Gute!“ versetzte mich in Panik, da ich mich konzentrieren musste, um nicht aus Versehen oder vielmehr natürlicher Haltung doch die „falsche“ Hand zu geben.

Gläser und Wasserhähne waren meine Feinde, da ich nie auf Anhieb in die richtige Richtung drehte. Dann kam die Schule und mit der Schule – im Alter von 5 Jahren – lernte ich nicht nur das Lesen und Schreiben, sondern auch das 30 cm lange Holzlineal und einen Stock sehr gut kennen. Beides tut auf der offenen Handfläche sehr, sehr weh.

Ich wurde also umgeschult.
Ich schreibe mit rechts, führe das Messer mit rechts. Ich kann allerdings auch mit links schreiben, jedoch nur die Spiegelschrift. Was ich als Winnetou in der Kindheit sehr oft tat, um Botschaften zu ähm ‚verschlüsseln‘.

Als mein 9 Jahre jüngerer Bruder zum ersten Mal mit der „bösen“ Hand nach einem Stift griff, waren wir in Deutschland. Ich hatte bei einer Freundin in der Schule einen Lamy-Linkshänder-Füller gesehen und erzählte meiner Mutter davon, bevor sie meinem Bruder auf die böse Hand hauen konnte. Er wurde nicht „umerzogen“.

Im Nachhinein ist das kein Drama, ich leide nicht nachhaltig darunter oder habe irgendwelche Folgeschäden davongetragen, aber bis heute wundere ich mich über die Macht von Aberglauben und ihren Auswirkungen. Und fahre ich zu Besuch nach Polen, passiert es desöfteren, dass mich plötzlich beim Suppe essen alle kurz anstarren, bevor sie wieder auf ihren Teller gucken. Heute finde ich das amüsant und fühle mich etwas … ‚exotisch“.

 

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3 Gedanken zu “Böse Hand!

  1. Das klingt alles so schrecklich, dieses „Umerziehen“. Wenigstens hast Du davon keinen großen Schaden davongetragen… zumindest nichts wovon wir nichts wissen. 😉
    Meine Mutter (Rechtshänder), Jahrgang ’34, hat mir ähnliche Stories aus ihrer Schulzeit erzählt. Gruselig.

    • Ich bin überzeugt davon, dass es heute in einigen Teilen Polens immernoch so ist. Das zeigen die Blicke, die ich ernte – wie im letzten Teil beschrieben.
      Bescheuert, aber da sieht man, wie mächtig Aberglaube ist. Oder Glaube.

  2. Das mit der „bösen“ und der „guten Hand“ gabs bei uns auch (Münsterland / Westfalen). Ich hab das zum letzten Mal so ca. 1980 gehört. Meine Eltern haben auch versucht, mich auf Anraten der Lehrer_innen umzulernen, aber wohl nur halbherzig. Außerdem fanden sie meine Zeichnungen und mein Gebastel gut, und so war das irgendwann stillschweigend „vom Tisch“, ich musste nicht mehr jeden Tag um eine bestimmte Zeit auf riesige Papierboegen mit Wachsmalkreide Kreise malen (diese Verschwendung hat mich richtig angefressen – was hätte ich da alles mit basteln oder drauf zeichnen können!). Durch den Computer (Mouse) zeichne ich mittlerweile „beidhändig“.

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