Geistiges Eigentum

„Um Twitter zu verstehen, musst Du twittern.“

Mehr muss man an sich nicht wissen. Sagt man.
Und dann kommt es doch ein wenig anders.

Am 18.12.2013 habe ich mich bei Twitter angemeldet. Es war mein 3. Versuch mich mit diesem Netzwerk anzufreunden. Der Grund? Rein beruflich.

Meinen ersten Tweet gibt es nicht mehr, den habe ich längst gelöscht, als ich erfahren habe, dass man ihn ganz einfach mit

https://discover.twitter.com/first-tweet#meg_gyver

herausfinden kann. Der jetzige „Erste“ ist auch kein Knaller, aber zumindest nichts, wofür ich mich schämen müsste.

Die erste Zeit verbrachte ich damit, dass ich las. Ich suchte nach Freunden und Bekannten – ein Anfänger-Fehler 😉 – und hangelte mich über deren Follower und Twitterer, denen sie folgten immer weiter und tiefer in das Dickicht dieser Welt, die weltweit als „Kurznachrichten-Netzwerk“ gilt.
Ihr kennt sicher diese tollen Geschichten, in denen Menschen Twitter ihr Leben verdanken, weil sie rechtzeitig vor dem nahenden Tsunami, Vulkanausbruch oder zu früh nach Hause kommenden Ehemann gewarnt wurden.

Ich bin sicher, dass sich das in einigen Fällen sogar so zugetragen hat.
Ich bin mir allerdings auch sicher, dass das der kleinste Grund ist, warum man sich dort anmeldet.

Ich muss gestehen, dass ich eingeschüchtert war.
Zum einen von einigen Zahlen: Twitterer mit mehr als 10.000 – ZEHN TAUSEND Menschen, die einen lesen. Die theoretisch jeden Pups lesen, den ich in 140 Zeichen presse. Was für eine Zahl! Was für eine Macht! Was für ein Wahnsinn!

Wie großartig, witzig, außerordentlich, genial diese Menschen sein mussten, die es geschafft haben, dass ihnen SO VIELE Menschen ihr Gehör schenkten. Das müssen Vorbilder sein. Also nichts wie „Folgen“ klicken und sich verzaubern, verändern, verlieben, verwirren lassen.

Ich las, las, las …

Es war das witzigste Witzebuch, das ich je gelesen habe.
Es war die romantischste Komödie, der spannendste Krimi, das großartigste Drama, die traurigste Tragödie … und der schrecklichste Zeitfresser aller Zeiten in einem.

Ich tippte, was mir in den Sinn kam, auch mal ohne Sinn und Verstand, ohne Strategie. Ich musste ein Gefühl dafür entwickeln, mich zurechtfinden, die „Regeln“, die es angeblich nicht gibt, lernen. auffinden, wer der Chabo und wer der Babo ist. Ich wollte wissen, warum manche Menschen mehr gelesen werden als andere. Und so fing meine Reise an – während ich hier und da was absonderte, saugte ich haufenweisen Wissen auf und versuchte, mir einen Reim darauf zu machen, denn immerhin hatte ich den Auftrag, Twitter zu verstehen und meinem Chef dabei zu helfen, damit Geld zu verdienen (daran arbeite ich immer noch sehr .. intensiv. Ihr kennt das.)

Zu meinem großen Erstaunen, sprach es sich rum, was ich da so schreibe und der ein oder andere fand es auch besternenswert.

Schon bald überholte ich den Chef und einige Kollegen, was die Followerzahlen anging und erntete ein: „Kein Wunder, bei Deiner Themenwahl“. Über die hatte ich mir bis dato keine Gedanken gemacht, doch unbewusst hatte ich damit begonnen zu erkennen, welche Muster es bei den Tweets gibt. Floskeln, Textbausteine, Rituale und diese auch zu verwenden.

Von der Analystin zu Twitterin. Ich fand meinen Platz als Emo-Witze-Alltag-Account.

Anfangs dachte ich mir auch nichts dabei – obwohl ich sehr gut mit dem Thema Urheberrecht vertraut bin – den ein oder anderen, bei Pinterest gefundenen Spruch, wortwörtlich oder sinngemäß zu vertwittern, schließlich machten es andere (Top-Twitterer) auch so, wie ich schnell herausfand.

Das Gedächtnis hat auch eine Art „Stille Post“ – wir Menschen neigen dazu, einige Geschichten aus der Kindheit zu verherrlichen, im Laufe der Zeit wird aus dem einen komatösen Besäufnis ein ganzes Dutzend, beim ersten Mal werden wir von Jahr zu Jahr etwas jünger in unseren Geschichten und außerdem waren wir eh viel toller, als wir das heute jemals jemandem gestehen würden.

Nun werden wir tagtäglich mit Millionen von Informationen konfrontiert, es geht schon morgens los mit dem Update im Bett: n-tv, Push-Benachrichtigungen, Instagram, Twitter, Facebook, Threema, Zitat des Tages, Weisheit des Tages, Horoskop des Tages, Mondphase, Stuhlphase, Hormonhaushalt, etc. pp.

Im Auto/Bus/Bahn läuft Musik, Menschen erzählen sich Geschichten, wir spingsen dem Sitznachbar über die Schulter, um einen Blick in seine altmodische Zeitung zu werfen. Im Büro lesen wir Mails, Newsletter, während wir beim Mittagessen wieder das Smartphone bemühen oder die tollen Sprüche auf der Verpackung unserer Nahrungsmittel lesen.

Abends brummt der Kopf, aber da sind wir noch lange nicht fertig, der Kopf rattert, Informationen werden sortiert, verknüpft, verworfen, zugeordnet, gelöscht, eingeschätzt.

Menschen, die mit einem guten Gedächtnis gesegnet sind, verfluchen unter Umständen dieses, weil sie genau wissen, wer den einen Tweet geschrieben hat, den sie gerade ohne Quellennachweis bei Facebook lesen, aber vergessen haben, den einen Dauerauftrag zu stornieren.

Eines Tages las ich meinen Tweet bei Facebook und freute mich wie BOLLE, dass er Zigtausend Likes & Kommentare hatte.

Leider konnte ich damit nicht prahlen, denn dort fehlte mein Name, der mich als Schöpfer dieses witzigen Tweets zeigte. Das war blöd. Die Freude über die Aufmerksamkeit schwand. Von wegen „Plagiate sind die aufrichtigste Form des Kompliments“, Herr Theodor Fontane – drauf geschissen, ich will die Anerkennung!

Das brachte mich dazu, meine inzwischen beachtlich dahin geschriebene Anzahl an Tweets durchzusuchen, um die zu löschen, die nicht von mir waren. Und hier kam das Problem mit dieser „Stillen Post“ – bei einigen war ich nicht mal mehr sicher, ob sie von mir waren. Ob sie 1:1 von jemand anderem waren, ob ich mich habe inspirieren lassen; von einer Grundidee und diese, um meine Gedanken, erweitert habe. Also löschte ich einfach mehr, aus „Angst“, an einen virtuellen Pranger gestellt zu werden, wenn mein Account größer geworden ist und man mich öfter retweetet oder gar in den alten Schinken wühlt, was mit „FavStar“ kein Problem ist.

Doch ich erwischte nicht alle. Hier und da taucht mal einer auf, von damals, aus den Anfängen, bei denen ich nicht mehr sicher bin, ob sie zu 100% aus meinem Hirn stammen. Dann lösche ich sie und hoffe, dass ich ihnen nicht Unrecht tue und sie vielleicht doch aus den Tiefen meiner Hirnrinde geflossen sind. Stichwort: „Kryptomnesie“ (Danke Wolf!)

„Als Kryptomnesie (griechisch κρυπτός kryptos „verborgen“ und μνήσης mnésis „Erinnerung“) versteht die moderne Psychologie das Phänomen, dass vergessene oder verdrängte Erinnerungen und Ideen überraschend wiederkehren, ähnlich einem Déjà-vu.“
(Quelle: Wikipedia

Bedenklich wird es, wenn man selbst erst die Twitter-Suche bemüht, bevor man etwas twittert, da die Unsicherheit zu groß ist, der Gedanke wurde schon mal von jemand anderem gedacht. Wenn das kein entspanntes twittern ist.

Du hast erst dann Twitter verstanden, wenn …

… Du nicht mehr über Regeln nachdenkst, die es angeblich eh nicht gibt
… Du nicht mehr auf Follower-Zahlen achtest und daran, wie viele Menschen Dir entfolgen und warum.
Was allerdings widernatürlich wäre, denn der Mensch misst sich ständig. Am liebsten an anderen. Hier kann man sich allerdings das Leben auch wirklich unnötig schwer machen, wenn man sich zu sehr reinsteigert. Ich verrate euch etwas: Die Menschen entfolgen, weil sie einen nicht mehr lesen wollen. Spielt da der Grund wirklich eine Rolle? Ihr kennt diese Menschen in 99,9% der Fälle gar nicht.
… Du nur dann schreibst, wenn Dir etwas einfällt, was Du Deinen „echten Freunden“ erzählen würdest.
… Du nicht mehr berechnend schreibst, weil gerade ein Thema angesagt ist und Du Dir extra Follower und Sternchen erhoffst

Unsinn.
Da gibt es nichts zu verstehen. Verstanden hat man es dann, wenn man nicht versucht, es zu verstehen.

Lasst euch nicht einschüchtern, wenn ihr euch anmeldet. Seid ehrlich zu euch selbst: Entweder habt ihr etwas zu sagen oder nicht. Kaum jemand von den großen Twitterern in Deutschland mit mehr als 10.000 Followern ist ein Pulitzer-Preis-Anwärter oder ein großer deutscher Lyriker – mit Verlaub und bei allem Respekt.
Diese Menschen sind in der Regel viel länger Mitglied bei Twitter und haben auch (!) deshalb so viele Follower. Und eines kann ich euch versichern: Es ist auch nicht immer alles witzig, für das Leben wertvoll, sinnvoll, großartig, spektakulär, bahnbrechend und weltbewegend, was sie schreiben.

Überzeugt euch selbst.
Schreibt, was euch in den Sinn kommt – aber schreibt nicht ab.

Es gibt ein Urheberecht, welches besagt:

„Das Urheberrecht bezeichnet zunächst das subjektive und absolute Recht auf den Schutz geistigen Eigentums in ideeller und materieller Hinsicht“

„Als geistiges Eigentum (engl. intellectual property, kurz IP) eines Menschen wird all jenes Wissen und Kulturgut bezeichnet, das dieser sich durch geistige Anstrengungen wie Lernen, Forschen, Nachdenken, Lesen oder auch Diskutieren zu eigen gemacht hat. Der Begriff wird außerdem als Jargon für Urheberrechte und gewerbliche Schutzrechte verwendet.“
(Quelle: Wikipedia)

Mein Top-Tweet lautet:

 

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2 Gedanken zu “Geistiges Eigentum

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