„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

 

„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“IMG_4099

Frau Becker ist über 80. Sie ist eine sehr elegante Dame mit weißen Haaren, die ihr hübsches Gesicht ideal umranden, sie hat große, braune Augen und sehr viele Lachfältchen. Jede Woche bringt sie ausgeschnittene Witze mit, die sie dann vorliest. Viele davon bringt sie immer wieder und alle lachen, als hörten sie diese zum ersten Mal. Schätzungsweise bin ich die Einzige, die sich daran erinnert, die Witze bereits unzählige Samstage gehört zu haben.

Aus dem Effeff kann Frau Becker ein mehrstrophiges Gedicht vortragen, welches sie als junges Mädchen gelernt hat. Einwandfrei und mit sehr viel Andacht.

„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

Wir spielen unsere, abgewandelte, Version von „Stadt, Land, Fluss“ und sind gerade bei Gemüse mit „K“. Herr Krause ist nicht mehr zu halten und ruft laut „Kartoffel“, woraufhin er von den anderen ermahnt wird, er sei noch gar nicht an der Reihe und überahaupt, alle anderen wollten auch „Kartoffel“ sagen. Als Herr Neumann an der Reihe ist, sagt er „Mhhhh, Kartoffelsalat!“ Alle lachen. „Kartoffelsalat ist kein Gemüse“, sagt jemand, vorauf Herr Neumann verdutzt schaut und korrigiert „Ok, Kartoffenpuffer.“

„„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

„Seit ich nach dem Schlaganfall aus meiner Wohnung hierher musste, wünsche ich mir nichts mehr als einen Hamster“, sagt Petra. Ich recherchiere, wir beraten, schmieden Pläne, sie spart eisern jeden Cent. Als wir im Futterhaus sind, will sie ein Kaninchen. Und eine Schildkröte. Es wird ein Zwerghamster, den wir „Elvis“ nennen. Nach 3 Wochen wird er umbenannt, da Petra seinen Namen vergaß. „Ich habe aber einen neuen, der ist auch toll, auch was mit singen und schauspielern: Rambo.“ Sie strahlt.

„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

„Hatten wir schon die 56“?
„Ja, die war schon.“
„Oh, toll, die habe ich! Und die 90“?
„Nein.“
„Hm, wieder nicht gewonnen.“
„Das kann nicht sein, Herr Schäfer, es sind 90 Zahlen, alle werden gezogen, jeder gewinnt.“
„Ich nicht, ich gewinne nie, aber dafür war ich mit ner scharfen Frau verheiratet.“
„Orrrr, der Schäfer wieder.“
Allgemeines Gelächter, Augenverdrehen und Erröten.

„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

Wir basteln Namensschilder für die Türen der Bewohner. Auf dem Tisch liegen unzählige Tiermotive, Bäume, Blumen. Jeder hat ein DIN A4-Blatt mit seinem Namen vor sich und gestaltet das Bild. Herr Neumann klebt den Igel in die Baumkrone, Frau Grewe hat sich alle Eulen rausgesucht und entwirft ein denkbar merkwürdiges Szenario, Frau Burkhardt hat die Blumen unterhalb der Wiese aufgeklebt.
„Meg, wann basteln wir wieder?! Das hat so viel Spaß gemacht, den Kopf anderthalb Stunden zu beschäftigen, das war schön.“

„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

Herr Krause und ich laufen langsam durch lange, grüne Reihen, auf denen erst kürzlich ein neuer Rasen ausgesät wurde. Er bleibt stehen, zieht sich die Jacke aus. „Warm ist es“, sagt er und schiebt den Rollator weiter. „Danke, dass Du mich gefahren hast, so kann ich nochmal Abschied von der Marion nehmen, wir waren ja doch Freunde.“ Ich streichele ihm die Schulter, als wir an ihrem Grab stehen und er leise seufzt.

„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

Ich erzähle meinen liebsten Gandalfs, dass ich bald für 10 Wochen nach Kanada fahren werde und sie mir sehr fehlen werden. Sie sind sehr besorgt, ob ich in dem Land auch zurechtkomme und ich soll ja Postkarten schicken, ob ich denn noch wüsste, was eine Postkarte sei, wir jungen Leute tippen ja nur noch auf den Handys rum. Seitdem werde ich, von einigen, jede Woche gefragt, wie es denn nun in dem Kanada war und warum keine Karte gekommen ist.

„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

Ich vertrete eine Dame, die mit den Bewohnern „Frühschoppen“ macht, da sie krank geworden ist. Ich schenke Getränke ein, betuppe den ein oder anderen im Hinblick auf den Alkoholgehalt im Getränk und frage, wie so der übliche Ablauf ist. „Wir singen!“ antwortet jemand. Dann werden Lieder angestimmt. Ich muss passen, da ich des deutschen Volksliederguts nicht mächtig bin, stelle allerdings fest, dass die Lieder überwiegend von Krieg und der Nachkriegszeit handeln und entsprechend traurig sind.
Es singt auch nicht jeder mit. Ich schlage vor, nach jedem Lied eine lustige Gedächtnisübung zu machen. Am Ende gackert und kichert ein Dutzend Senioren und sie stimmen Karnevals-Lieder ein.

„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

Es ist der Sonntag nach meinem Geburtstag. Als ich den Raum betrete, in dem wir uns treffen, unterhalten, spielen, lachen und singen, strahlen mich 14 Augenpaare an, ich bekomme Blumen, mindestens 14 Küsse auf meine hochroten Wangen und darf mich zurücklehnen und glücklich sein, während sie voller Freude für mich singen. Herr Krause schenkt mir eine langstielige, rote Rose.

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Jeden Sonntag habe ich ein bisschen Bauchweh, wenn ich den Raum betrete und die Augen über die liebgewordenen Menschen fliegen, erkennend und zählend, erleichtert, wenn alle da sind. Das ist aber auch das Einzige, was mir als Ehrenamtler in einer Senioren-Residenz Angst macht.
Der Tod gehört zum Leben. Und ich kann es nicht oft genug betonen, dass ich wahrlich ein Glück habe, so viele wundervolle Menschen kennengelernt zu haben und für sie da sein zu dürfen und zu können.

Ja, sie zicken sich an. Ja, sie können unfassbar nervig sein. Ja, sie sind launisch, unfreundlich, manchmal sogar böse.

Sie sind aber auch liebenswert, herzlich, offen, freundlich, unvoreingenommen und

individuell. Wie ein jeder von uns.

Und „Hut ab, ich könnte das ja nicht.“ lasse ich nicht gelten.

 

 

(Sollte hier jemand Eigenlob zwischen den Zeilen lesen, empfehle ich einen Spaziergang an der frischen Luft.)

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8 Gedanken zu “„Hut ab, ich könnte das ja nicht.“

  1. Meine liebe Meg, ich muss mich zusammenreissen, um nicht zu heulen. Du bist ein wunderbarer unbestechlicher Beobachter. HAbe ich doch gewusst und auch schon gesagt. Schreibe, Meg, bringe uns Deine Sicht auf die Dinge dieser Welt nahe. Grenzüberschreitendes Denken und reden ist so selten. Und vergiss nicht, in Canada eine Unmenge Notizen zu machen. Alles Gute.

  2. Wundervoll und berührend geschrieben. Danke Meg, daran teilhaben zu dürfen.
    Ich kann dem gut nachempfinden, bin selbst im Ehrenamt bei demenzkranken Menschen tätig.Und auch wenn es anstrengend ist, ich bin gern da und habe viel von ihnen gelernt..
    Ich sage nicht:’ich könnte das ja nicht‘ aber dennoch und das sehr gern:Hut ab liebe Meg!😊💟

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