Alltag

Auch Urlaub, vor allem, wenn er länger andauert, als der übliche Ballermann-Urlaub, kann einen Alltag entwickeln, der besonderen, festgelegten Abläufen folgt, vor allem, wenn man auf einer Farm lebt.

Um 8 Uhr klingelt mein Wecker, den ich in der Regel nicht brauche, da ich mehr erholsamen Schlaf bekomme, als ich es gewohnt bin. Wir frühstücken meist zusammen auf der Terrasse, geniessen den Ausblick, überlegen, was wir den Tag über so machen werden. Dann gehe ich meine Runde, um die Tiere zu füttern. Ich lasse die Hühner raus, schaue bei den Enten-Babies vorbei, zähle sie durch und hoffe, dass noch alle da sind. Heute sind sie eine Woche alt. Von ursprünglich 16 sind noch 13 da. Das ist zwar grausam, für mich jedoch mittlerweile mehr als nachvollziehbar, dass hier „survival of the fittest“ an der Tagesordnung steht. Mimi würde eh nicht  alle behalten können, glücklicherweise gibt es bereits einige Abnehmer.

Dann geht es weiter zu den Schafen, Ziegen, zum Pferd und zu dem Alpaka. Alle füttern, prüfen, ob sie genug sauberes Wasser haben, alle Tore und Türen wieder richtig verschliessen, da sie zum einen dafür sorgen, dass die Tiere bleiben, wo Mimi sie haben möchte und wo genügend Gras ist, aber auch zum Schutz vor Cougars und Wölfen. Wenn ich mit den Tieren fertig bin, widme ich mich dem Garten, den es zu wässern gilt. 60-80% der täglichen Nahrung, die wir zu uns nehmen, kommt aus dem Garten: Salat, Bohnen, Erbsen, Zucchini, Squash, Tomaten, Mais, Gurken, Kartoffeln, aber auch Kräuter für Pesto, Feigen, Pflaumen, Äpfel und Birnen.

Heute regnet es endlich mehr, so dass die Süßwasser-Tanks aufgefüllt werden können, der Regen die Wässerung für mich übernimmt und wir etwas aufatmen können, was die Versorgung der Tiere mit frischem Futter angeht, denn Heu ist unfassbar teuer und leider auch von schlechter Qualität.

Das Haus verfügt über 2 Tanks mit einer Gesamtkapazität von 13.000 Litern.

Soviel zu den Tieren, wobei sich, im Großen und Ganzen, am Ende des Tages alles um sie dreht. Wir reparieren Zäune, besorgen Futter, bauen die Tore um, um die Tiere besser auf die Teile der Farm zu lotsen, wo das Gras noch grün ist. Wir scheren Schafe (Scotswood) und Mimi verarbeitet die Wolle. Ein Alpaka, zum Beispiel, wir max. alle 2 Jahre geschoren, weshalb seine Wolle so teuer ist. Außerdem ist ein Alpaka ein großer Heu- und Kornfresser, so dass man abwägen muss, ob sich die Haltung lohnt.

Diese Woche haben wir Müll weggebracht. Quadra Island ist zwar keine große Insel, der Müllwagen kommt jedoch nicht überall hin, so dass man 2 Möglichkeiten hat:

1. Man bringt den Müll zu einer Sammelstelle und zahlt für einen Beutel 7 CAN$ oder man bringt den Müll selbst nach Campbell River zur Müllumladestation (liegt auf Vancouver Island), nimmt den Müll der Nachbarn gleich mit und zahlt 120 CAN$ für eine Tonne. Wir hatten 30 kg Müll nd zahlten 10 CAN$. VIel Müll kommt hier nicht zusammen, da nicht viel eingekauft wird, Behälter von Joghurt oft wiederverwendet werden, der Rest ist Kompost. Man hat also Müll und Recycling. Der Kanadier kauft in der Regel auch kein Mineralwasser in Flaschen, das finden sie alle sonderbar, wenn sie mal in Europa waren. Jeder hat in der Küche einen Anschluss für Trinkwasser, welches aus einem separaten Kran gefiltert raus kommt.

Seit 10 Tagen bin ich auf der Farm und habe bereits unfassbar viel über Tiere gelernt. Obwohl auf einem Bauernhof aufgewachsen, habe ich mich als Kind nie groß dafür interessiert. Ich habe es genossen und davon profitiert, die viele Arbeit dahinter nicht wahrgenommen oder richtig bewertet.

Ich mache mir bereits jetzt Gedanken, wie ich meinen Konsum zuhause so gestalte, dass es so nachhaltig wie möglich ist. Jegliches NICHT saisonale Gemüse und Obst schlichtweg nicht einkaufe, den Fleischkonsum reduziere, obwohl ich in der Hinsicht schon wesentlich besser unterwegs bin. Gestern gab es Hühnersuppe von einem glücklichen Huhn. Mit Fettaugen auf der Oberfläche und einem sensationellen Geschmack. Wie damals, bei Oma und Opa, bei denen ich nach dem Schlachten oftmals ein kopfloses Huhn einfangen musste, nachdem es stiften gegangen ist und wo ein Teller Suppe einen sehr satt gemacht hat.

Ich weigere mich nach wie vor, Milch, Joghurt, Käse, etc. ohne Fett zu kaufen, da ich den Sinn darin schlichtweg nicht sehe, trinke ich doch die Milch, weil ich den Geschmack möchte. Ich hatte hier die Möglichkeit, Milch direkt von der Kuh zu trinken. Also nicht warm und direkt aus dem Euter, aber eine unbehandelte und in kalt. Oh my … Trotz Laktoseintoleranz gewann die Neugierde und der Geschmack war schlichtweg toll!

Täglich lerne ich neue Menschen kennen, die allesamt sehr nett, interessiert sind. Spannend, dass viele bereits in Deutschland waren, einen Verwandten haben oder gar selbst deutsch stämmig sind. Sie zeigen ein sehr angenehmes Interesse an meiner Herkunft, meinen Reiseplänen, fragen jedoch auch sehr sorgenvoll, nach der aktuellen Situation im Hinblick auf die rechte Szene. Ich lerne auch viel über die Haltung von Kanadiern ggü. der First Nations People (so werden hier die Indianer genannt, nämlich auf gar keinen Fall Indianer). Auch hier zeigen sich Parallelen zur Einstellung der rechten Szene ggü. Ausländern und Flüchtlingen: Je ungebildeter der Mensch, desto lemminghafter, vorurteilsbehafteter und radikaler ggü. der (angeblichen) Minderheit. FNP (First Nations People) leben nach wie vor überwiegend in Reservaten, man sagt, angeblich auf eigenen Wunsch hin, um den Traditionen ungestört nachgehen zu können. Sie haben Zugang zur kostenlosen Bildung und Krankenversicherung und erfahren einige andere „Annehmlichkeiten“. Das ist  einigen ein Dorn im Auge. Nimmt man sich jedoch ein wenig Zeit, um in der Geschichte zu stöbern, ist das – meiner Meinung nach – das Mindeste. Doch Rassisten gibt es überall auf der Welt. Leider.

Ich lese derzeit keine Weltnachrichten. Bin allen Seiten entfolgt, die etwas mit meinem Job zu tun haben. Ich stöbere mich durch die, sehr üppige, Bibliothek des Hauses und feile an meinem Englisch, welches mir immer flüssiger von der Zunge geht. Oftmals sind wir abends eingeladen oder haben Besuch, so dass ich einen schönen Ausgleich zu den vielen Stunden habe, die ich – überwiegend – schweigsam mit den Tieren verbringe oder am See chille.

In 4 Wochen werde ich dieses unfassbar schöne Fleckchen Erde verlassen und ganz ehrlich, even if it sounds quite cheesy: Es graut mir davor, wieder in die „grosse“ Welt zu gehen und dieses Zuhause zu verlassen. Welch Glück, dass eine meiner herausstehenden Eigenschaften ist, das HIER und JETZT mehr geniessen zu können, als die Sorgen der Zukunft an sich zu lassen.

Bis bald. 🙂

2 Gedanken zu “Alltag

  1. Hätte ich die Möglichkeit, Deine Erfahrungen zu machen, ich würd’s tun. Aber nicht allein, das brächte ich nicht fertig.

    Hab weiter eine gute Zeit und – F*ck FB! ;)=

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