Grenzen

Meine Mama pflegt zu sagen, ich müsse ja ein unfassbar unreines Gewissen haben, so schreckhaft, wie ich bin. Ich kann sie beruhigen, mein Gewissen liegt, zufrieden schlummernd, im Bettchen aus entspanntem Unterbewusstsein, doch in der Tat, bin ich ein sehr schreckthafter Mensch, was im Vorfeld meiner Reise von einigen, die das bei mir kennen, für Heiterkeit sorgte. Auch wenn ich weiß & mitbekomme, dass jemand hinter mir steht, erschrecke ich, wenn ich mich umdrehe. Meine Augen sind schlecht, dafür ist mein Gehör umso besser, weshalb ich nicht nur Ameisen furzen und Flöhe husten hören kann, sondern auch wegen jedem Geräusch meines Wagens zur Werkstatt fahre (4 Jahre Rundum-Sorglos-Paket) und erst dann wieder abdüse,wenn nur noch das Sportfahrwerk brummt.

Jetzt lebe ich Mitten im Wald. MITTEN im Wald. Wild, Bären, Wölfe, Pumas, Waschbären, Vögel, Ziegen, Pferde, Hühner, Enten, Schafe, etc.

Ich gehe ungern in Seen schwimmen, wenn ich den Grund nicht sehen kann und nicht weiß, was für Kawenzmänner an Fischen darin schwimmen. Seit 3 Wochen schwimme ich täglich eine Stunde im schönsten See, dem Village Bay Lake auf Quadra Island, weil das auch andere Leute tun, die ich mag und denen ich vertraue.

Ich fasse ALLE Tiere an und habe keine Berührungsängste, weil Mimi mir gezeigt hat, wie das geht. Ich greife blind in den Hühnerstall und sammle Eier ein, ohne darüber nachzudenken, was ich da anfasse.

Ich streichele Katzen auf meinem Schoss, lerne jeden Tag mindestens einen riesengroßen Hund kennen. Sogar das Pferd führe ich alleine auf die Koppel, ohne mir ins Hemd zu machen, obwohl ich einen großen Respekt vor Piffany habe.

Ich habe einen Fisch ausgenommen, ohne zu erbrechen, was jedoch eine große Überwindung war, weshalb ich nur einen von zehn bearbeitet habe.

Hiero, den belgischen Schäferhund, nehme ich überall mit und er gibt mir Sicherheit, auch wenn ich die gesamte Kraft, von der ich eine Menge habe, aufbringen muss, damit er mich nicht von den Füßen reisst, wenn er einen Waschbären gerochen hat.

Schafe habe ich mit meinem gesamten Körpereinsatz gehalten, als ich sie scheren musste und flüsterte andauernd Entschuldigungen, falls ich sie verletzte. Ich schwitzte dabei literweise, stressbedingt und weil es eine verdammt schwierige Geschichte ist, wenn man ein warmes, pulsierendes Lebewesen unter sich hat, das man nicht verletzen möchte.

Ich sehe abends nicht sehr hübsch aus: Meine Hände und Füße sind schmutzig, die Haare strohig vom Schwitzen, die Kleidung mit einigen Löchern von Zäunen versehen und schmutzig, überall Kratzer von Sträuchern und Bäumen, von der Gartenarbeit.

Im Dreck zu wühlen, um Kartoffel zu ernten und Käfer auf der Haut zu spüren, kostet mich Überwindung, denn Handschuhe gibt es hier nicht. In einen Bottich mit Fischabfällen zu greifen, um etwas für den Hund rauszusuchen, kostet mich Überwindung. In einen See zu hüpfen, den ich nicht kenne, kostet mich Überwindung. Durch Gehege voller Tierkacke zu laufen, kostet mich (immer weniger) Überwindung.

Heute morgen entfernte ich die Reste eines Vogels und einer Maus aus dem Wohnzimmer, Ohne vorher zu würgen. Hiero und ich sind heute ganz alleine auf der Farm. Er schläft gerade, nachdem ich ihm ca. 50x den Stock geworfen habe und ich habe soeben wild hopsend das Tal zusammengebrüllt, als eben ein Termit in meinen Ausschnitt flog.

Vieles von dem Beschriebenen, ist für die meisten Menschen total normal. Ich schwitze nicht gerne und mache mich nicht gerne schmutzig, pflege mich und lege Wert darauf, dass ich nett dufte.
Zum Glück, hat sich bisher kein Tier beschwert, vielleicht habe ich sogar deshalb eine Schnitte bei ihnen.

3 Gedanken zu “Grenzen

  1. Lustig… geade heute habe ich angefangen, in meinem Schwimmblog gegen die Angst der anderen anzuschreiben.
    Ein weiterer Teil über die Angst vor Viechern im Wasser folgt übermorgen 🙂

  2. Oh, wie schön, von deinen Gefühlen zu lesen. Bei all dem Abenteuer und den tollen Fotos geht es mir doch darum, wie es dir geht.

    Ich bin so gespannt auf alles weitere!

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