Halbzeit

In meinem Alter fällt es mir schwer zu behaupten, dass einige meiner Entscheidungen die besten meines Lebens waren, da ich vorhabe, mindestens nochmal so lange zu leben, wie ich bereits lebe und am liebsten noch ca. 20 Jahre bei guter Gesundheit drauflegen würde.

Dennoch möchte ich behaupten, dass die Reise nach Kanada zu einer meiner besten Ideen gehört und ich sehr dankbar bin, in der glücklichen Lage zu sein, so etwas machen zu dürfen und zu können.

Heute ist Halbzeit, seit 35 Tagen bin ich in Kanada. Und das Beste an der Geschichte: Ich habe nochmal 35 Tage vor mir. Wenn ich nur daran denke, wieviel ich in den 5 Wochen gelernt habe, wie sehr es meinen Horizont erweitert hat und mich zu einem etwas besseren Menschen  gemacht hat, indem es meine Sicht auf die natürlichen Ressourcen der Erde geschärft hat, auf Gewohnheiten zuhause indirekt hingewiesen hat, die ich sehr leicht ändern kann, ohne, dass mir ein Zacken aus der Krone fällt.

Das letzte Mal, dass ich in einer Gesellschaft lebte, die alles zu schätzen weiß, was sie hat, wenig bis gar nichts wegwirft und unfassbar erfinderisch in ihrer Not ist, was in meiner Kindheit in Polen.

Einige Leser „bewundern“ mich dafür, dass ich mit der Wasserknappheit klarkomme, womit ich recht schlecht klarkäme, verschwendete ich einige Gedanken mehr daran. Ich bade extrem selten bis nie (2x/Jahr), dusche dafür umso lieber und weiß meine begehbare, komfortable Dusche zuhause zu schätzen, allerdings drehe ich während des Duschvorgangs das Wasser immer ab, wenn ich die Haare einschäume, mich rasiere oder selbst einschäume, ich lasse niemals das Wasser laufen, während ich mir die Zähne putze oder grundsätzlich, nur, weil es da ist. Zu meiner Verteidigung muss ich sagen, dass ich hier jeden Tag in einem wunderschönen See schwimmen kann, da wir einen tollen Sommer haben,  der wiederum für die Wasserknappheit sorgt und schon haben wir einen Kreislauf und man muss das Beste daraus machen.

Ich bin die Hälfte meiner Kindheit ohne fliessendes Wasser ausgekommen und musste raus aufs Plumpsklo, sobald meine Eltern es leid waren, mit dem Nachttopf zu laufen – und sie waren in der Hinsicht sehr schnell ungeduldig 😉 – kenne Nächte und Tage ohne Strom und verstrahltes Essen. Hier habe  ich wenigstens einen See und ein Klo.

Ich werde noch zwei Wochen auf der Farm bleiben und muss gestehen, dass es mir jetzt schon vor dem Abschied graut. Ich habe das Glück, dass ich hier aufgenommen wurde, als wäre ich eine Freundin, die zu Besuch kommt, es gab von Anfang an keine Berührungsängste, keine Sprachbarriere, wir profitieren voneinander, ich koche und backe, wenn mir der Sinn danach steht, einige Gerichte habe ich, auf besonderen Wunsch, bereits mehrmals zubereitet. Ich habe seit 4 Wochen keine Konservierungsmittel, Zusatzstoffe, etc. zu mir genommen und habe festgestellt, dass es meinem Bauch hervorragend geht. Das werde ich auf der 3-wöchigen Reise durch Alberta (es schneit in Jasper) und British Columbia vermissen.

Die Kanadier, die ich bisher kennengelernt habe, sind sehr stolz auf ihr Land, auf eine unfassbar berührende Art und Weise, denn auch, wenn sie politisch sehr interessiert sind, sie sind in ihrer Art viel mehr sozial interessiert und auch involviert. Jeder bekleidet mindestens ein Ehrenamt, man kümmert sich um Menschen in der Gemeinde, die es nicht so gut getroffen haben oder nur ein wenig schlechter, als man selbst. Man besucht sich gegenseitig, ohne vorher große Termine zu vereinbaren und es ist immer gerade zufällig ein Pie im Ofen oder wird schnell ein Crumble zubereitet. Wir verbrachten schon Stunden bei Leuten, denen wir einen Zaun reparierten, Obst von den Bäumen holten, das Zimmer bunter strichen, einen Kuchen brachten oder einfach nur etwas Zeit. Vielleicht mag es auch daran liegen, dass auf der Insel ca. 2,5 K Leute leben und man sich kennt. Ebenfalls glaubt man hier an Träume, an Visionen und es ist unheimlich inspirierend, alten Old Nations People dabei zuzuhören, was sie über ihre Vorfahren zu erzählen haben.

Nachbarschaftshilfe wird nicht nur groß geschrieben, sondern auch gelebt. Ob es die Schafe sind, die ausgebüchst sind und die einer der Nachbarn wieder einfängt, ob es eine „potluck“-Party ist, zu der jeder was mitbringt, ein Baum, der gefällt werden muss, ein Zaun, der repariert werden muss oder ein Tier, das erschossen werden muss. Und das passiert alles innerhalb von Stunden, nicht erst nach wochenlanger Terminvereinbarung. Man gibt, ohne ein Buch darüber zu führen. Obst, Gemüse, die Hilfe der Hände oder Zeit.

Ich kenne „Freunde“ von Freunden, die Geld dafür nehmen, ein paar Nägel in die Wand zu hauen.

Gestern habe ich mir ein Grundstück an meinem Lieblingssee angeschaut. Ich habe das Haus bereits visioniert, den Steg direkt ins Wasser, mein Kanu, welches sanft im Wasser wiegt. Eine Stunde saß ich da und zerbrach mir den Kopf darüber, wie ich ein Leben hier wahr machen lassen könnte.  Leider bin ich nicht fertig geworden, eines weiß ich jedoch:

Meine Wurzeln sind unfassbar kurz.

  

2 Gedanken zu “Halbzeit

  1. Liebe Meg!

    Immer wieder »Danke!« für das (Mit)Teilen Deiner Erfahrungen und Gedanken, die an so existenzielle Themen rühren, wie sie uns (zivilisierten?) Westmenschen gar nicht mehr in den Sinn kommen.

    Aus Deinen Beschreibungen wird – wenn man genau hinliest – sichtbar, was uns durch unser Konsumentenleben wirklich abhanden gekommen ist: die innige Bindung mit Natur, Tier und Mensch in der unmittelbaren Umgebung. Die Momente, in denen man diese aber spüren darf, sind jene, die uns mit einem unglaublichen Glücksgefühl durchfluten. Das schafft so kein Gadget unserer technisierten Umgebung…
    Ich möchte letztere nicht verdammen (ohne sie könntest Du nicht bloggen, ich nicht lesen und nachempfinden), doch sollten wir vielleicht alle über eine neue Gewichtung von Wichtigem und Tand nachdenken…

    Viele weitere schöne Tage wünscht
    Jochen

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