Endspurt

Morgen beginnt meine letzte Woche auf der Farm. Heute ist Sonntag, ein Tag, an dem ich frei habe. Zoe, 11 Jahre alt, die gerade zu Besuch ist und schätzungsweise 14h am Tag mit dem Pferd verbringt, weckt mich zu duftenden Pfannkuchen. Der Herr des Hauses hat Dire Straits aufgelegt und hantiert in der Küche. Wir lachen und sprechen über die Pferde-Filme, die wir den Abend zuvor mit Zoe geschaut haben, die sich auf dem Sofa zwischen Mimi und mich kuschelte. Als die Protagonistin im Film wieder mal in Tränen ausbricht, ob einer rührenden Szene, sagt Zoe trocken „She cries pretty easily, eh?“, worauf sich Mimi und ich, verstohlen die Tränen vom Gesicht wischen und dann in lautes Gelächter ausbrechen.

Heute ist mein letzter Sonntag auf der Farm. Nachdem ich morgens ein paar Nachrichten gelesen habe, bringe ich Mimi auf den neuesten Stand zum Thema Heimatvertriebene in Deutschland und was in den letzten 24h so passiert ist, denn leider kommt hier in den Nachrichten nichts davon an. Mimi ist vor 59 Jahren in den Niederlanden geboren und im Alter von 5 Jahren mit ihrer Familie nach Kanada ausgewandert. Sie interessiert sich sehr dafür, was in der Welt geschieht, vor allem im alten Europa und sie ist sehr entsetzt, was in Deutschland passiert. Ich erzähle ihr von einer Freundin, die eine Patenschaft für eine Familie übernommen hat, von Bekannten, die sich engagieren, indem sie spenden, die Spenden sortieren und dabei helfen, dass einige Menschen ein wenig mehr Mensch sein können. Mimi möchte helfen. Sie fragt, ob es mir was bringen würde, wenn sie mit ihrer Kirche Geld sammeln würde. Sie würden gerne selbst hergestellte Produkte, überwiegend First Nations People, also Menschen, die selbst von ihrem Land vertrieben wurden und mehr oder weniger geduldet wurden, als der „weiße Mann“ seinen Weg hierher fand, herstellen und verkaufen. Sie bittet mich, sie auf dem Laufenden zu halten, wenn ich wieder in Deutschland bin und herausgefunden habe, wie ich helfen kann.

Diese Woche stand ganz im Zeichen der Nahrungsbeschaffung für die Tiere. Heu ist nach wie vor extrem knapp. Alberta, der Staat, der normalerweise aushelfen kann, leidet unter Feuer und eine Trockenperiode, der Notstand wurde bereits in der Hinsicht ausgerufen. Ich bin letzte Woche zu Dorothy gefahren, die uns für 12,50 CAN$ der Ballen, etwas Heu verkaufen konnte, weil sie und Mimi Freunde sind. Dorothy und ich hievten die Ballen auf den kleinen Truck und ich fuhr mit den begleitenden Worten los: „Just pretend, you’re having your old grandma in the wheelchair in the back, honey and don’t speed.“ Sicherung? Gravitation. 🙂 Ich habe nichts von der kostbaren Fracht verloren. Doch das ist nur die Spitze vom Eisberg, denn auch, wenn sich Mimi, Ende September, von der Hälfte ihres vierhufigen Tierbestandes verabschieden wird, braucht sie mindestens 150 Ballen Heu für den Winter und die 12,50 sind heute schon gerne 17.

Das Geld, welches sie durch den Verkauf ihrer Produkte auf dem Markt verdient, geht direkt ins Futter für die Tiere. Auf dem Markt verkauft sie Obst und Gemüse, 12 verschiedene Sorten Knoblauch, selbst geschorene, gesponnene und gefärbte Wolle, Bio-Lamm.

Seit Freitag regnet es endlich. Erst ein bisschen und zögerlich, in der Nacht von Freitag auf Samstag dann so richtig und den gesamten Samstag lang. Unsere Tanks, die seit 1,5 Wochen im absolut roten Bereich Alarm schlagen, sind endlich wieder auf grün gesprungen und ich habe mir heute eine ausgiebige Dusche, inkl. Haarwäsche, Rasur und Pflege gegönnt. Meiner Haut geht es sehr gut, den Haaren ebenfalls, durch die Naturlocken, sehe ich jedoch nach 4 Tagen ohne Wasser oder Bürste aus, wie Ronja Räubertochter und die Kopfhaut juckt ein wenig, Mimi wäscht ihre langen Haare 1x im Monat und sie sehen wundervoll aus.

Jeden Morgen um 9 Uhr ziehe ich meine derben Schuhe an und gehe los. Ich öffne den Hühnerstall, füttere die Hühner, sorge für frisches Wasser, mopse ihnen dafür die Eier. Dann schnappe ich mir einen Eimer mit Körnern, die Schafe, Alpaka, Ziegen und Pferd, sind verrückt danach und ein paar „Scheiben“ Heu und begebe mich auf meine Runde, die knapp 3,5 km lang ist. Ich lasse die ersten Schafe raus, gebe ihnen etwas Heu & Körner, checke das Wasser und öffne ihnen das Tor zum Gras (welches nur dann da ist, wenn es geregnet hat, dann gibt es auch kein Heu.) Während ich das mache, versuche ich mir beide Ziegen vom Leib, Eimer und Heu zu halten, die echt frech und nervig sind. Dann füttere ich diese, dann das Pferd und gehe dann zum nächsten Feld, wo Charlie, das Alpaka mit 4 weiteren Schafen lebt. Füttern, tränken, Tore öffnen, Tore schliessen, Tiere damit so umleiten, dass sie immer dahin gehen, wo Gras ist und sich das Gras auf anderen Wiesen erholen kann.

Dann gehe ich zu den Nachbarn und versorge dort die letzten 3 Schafe, die im Sommer dauerhaft dorthin als Rasenmäher ausgeliehen sind. Wenn ich wieder zuhause bin, bin ich schweißgebadet und gehe dann den Garten wässern, was ca. 30-40 Minuten dauert. Dann beschäftige ich mich noch ein wenig mit den Entenküken. Das Ganze mache ich morgens um 9 Uhr und abends um 18 Uhr.

In der Zwischenzeit gibt es immer etwas zu tun. Pflaumen, Äpfel, Birnen, Feigen pflücken, Wein lesen. Basilikum ernten und Pesto für den Markt herstellen, Heute werden wir Salsa machen für den Winter. Die halbe Küche ist voll mit Tomaten. Mimi könnte sich problemlos bis zu 2 Monaten selbst versorgen, würde sie auf Milchprodukte verzichten. Als sie  noch die Ziegen gemolken hat, hatte sie sogar Milch und Käse.

Ich hoffe, dass ich kommende Woche noch die Gelegenheit haben werde, einige Male in meinem Lieblingssse zu schwimmen, bevor es nach Vancouver geht und von dort aus noch 3 Wochen durch Alberta und BC.

Man kann den Herbst schon fast riechen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s