Vancouver Island

Es gibt eine Stadt, die ich leider nur im strömenden Regen und Nebel gesehen habe: Whistler. Dabei habe ich mir von der Stadt eine Menge versprochen. Bereits die Fahrt dahin war ein Abenteuer und führte über recht schmale, bergige Straßen, die Sicht war teilweise unter 50 Metern und die fette Karre hat leider keine Nebelscheinwerfer. Das Licht reichte jedoch aus, um den großen Schwarzbären zu entdecken, der sich aufmachte, gemütlich den Highway zu überqueren, völlig unbeeindruckt, ob der Tatsache, dass alle Autos für ihn eine Vollbremsung auf die nasse Fahrbahn hinlegten. Er spaziere von rechts nach links und verschwand im Dickicht. Ein paar Minuten später sah ich ihn aus nächster Nähe, als er an den Zelten einiger Camper schnupperte.

Also eine Nacht in Whistler und am nächsten Morgen im Regen nach Horseshoe Bay, um die Fähre nach Vancouver Island zu nehmen. Vancouver Island, früher auch Quadra, ist die größte nordamerikanische Pazifikinsel. Länge 450 km, Breite 100 km. Vancouver Island beherbergt noch große zusammenhängende Stücke gemäßigten Küstenregenwaldes. Und dieser Wald ist traumhaft schön.

Und das ist auch das Stichwort für den ersten Tag: REGEN! Es regnet nahezu ununterbrochen. Der Weg führt von Nanaimo nach Ucluelet. Ich bin müde, aber voller Vorfreude auf das Wya Point-Resort. In Deutschland hatte ich bei Facebook Werbung für das neue Resort gesehen und mich sofort in die Cabins direkt am Pazifik verliebt. Als die Reise geplant wurde, bat ich im Reisebüro darum, 2 Nächte dort zu verbringen. Die Cabins stellten sich jedoch als recht teuer heraus, es gab jedoch noch luxuriöse Jurten. Alles Mitten im Wald, ökologisch aufgebaut.

Durch den Regen und die schlechten Sichtverhältnisse, dauert die Anfahrt länger als gedacht und zerrt an den Nerven. Ich habe Hunger, bin müde und will endlich in meine Jurte. Glücklicherweise ist noch jemand am Empfang, auch wenn bereits ein Umschlag mit Anweisungen am schwarzen Brett hängt, für den Fall einer noch späteren Ankunft. Von hier sind es noch 2 km bis zur Abzweigung in den Wald und noch 1 km durch einen arschdunklen Wald, eine extrem schmale Straße und 56 Schlaglöcher, in denen problemlos Kinder Verstecken spielen können. Endlich an den Jurten, es ist noch dunkler und es regnet Bären und Elche. Ich bin aufgeregt, freue mich auf etwas zu essen, auch wenn mich bereits dünkt, dass es hier nichts Eßbares gibt und auf eine Dusche und Bett.

 

Ich stehe vor der Jurte, die Aufregung schlägt in Entsetzen um. Vor mir ein rundes Zelt mit einer Veranda. Im Zelt ein Sofa, eine Kommode, ein kleiner Propangas-Ofen, eine Batterie mit Lampe und ein Container mit Wasser, inkl. Plastikschüssel.

Eingang
Inneneinrichtung

BÄÄÄÄM.

Flashback: Ich bin plötzlich 7 Jahre alt und stehe vor einem Zelt in der polnischen Tundra. Oder Taiga. Oder Walachei, gefüllt mir Ohrenkneifern, dem Schweiß von 3 anderen, muffigen Pfadfindern, muss Pipi, habe Durst und Hunger. Und beschliesse, für immer in meinem Leben, das Zelten zu hassen.

Zurück nach Ucluelet. Ich höre den Ozean, der nur 5 Meter entfernt gegen die Felsen wütet, während monsumartiger Regen auf die Plastikplane der Jurte knallt, laut, wie ein monströser Wasserfall. Ich schalte den Ofen ein, es wird wärmer. Ziehe das Sofa aus, packe die Bettwäsche ein, schnappe mir eine Zahnbürste, watschele durch den Regen zu den Waschräumen – zum Glück hat mein iPhone eine Taschenlampe – singe etwas lauter vor mich hin, damit die Bären fernbleiben, putze mir die Zähne, ohne das Wasser in den Mund zu nehmen, denn wir haben Wasser-Warnstufe 2, gehe aufs Klo, dann wieder in die Jurte. Die Toiletten sehen übel aus, allerdings sind sie nicht schmutzig, sondern durch das Grundwasser der Zedern rötlich verfärbt, was auf den ersten Blick gewöhnungsbedürftig ist.

Das Wasser prasselt immer heftiger auf das Dach, der Wind bläst, das Feuer wirft rote Lichter an die Wände. Ich lächele, dann schlafe ich ein. Für ca. 3 Stunden, denn der Lärm ist ohrenbetäubend.

Am nächsten Tag frage ich nach einem Upgrade, da mir zwar die Jurte doch noch gefällt, aber aufgrund des extrem lauten Regens, keine Chance auf Schlaf besteht. Da es außerhalb der Saison ist, gibt es eine Lodge und die hat einen wunderschönen Ausblick auf das Meer, direkt vom Bett aus. Ich könnte kaum glücklicher sein.


  
T  

Wer in Ucluelet ist, sollte unbedingt im „Blue Room“ frühstücken. Es ist ausgezeichnet und absolut bezahlbar, allerdings auch sehr beliebt, ggf. muss man ein wenig auf einen Tisch warten. Während des Frühstücks ist es noch dicht bewölkt. Dennoch gibt es einen schönen Trail entlang der Küste, durch einen der schönsten Wälder, die ich je gesehen habe: Der Wild Pacific Trail. Plötzlich sind die Wolken weg, der Himmel ist blau, die Sonne scheint, es sind über 17 Grad – der Ausblick aus der Lodge auf den kleinen, privaten Strand ist atemberaubend. Der Sonnenuntergang auch.

 


  

Am nächsten Tag geht es 30 km weiter nach Tofino. Der Weg dorthin führt durch den Regenwald. Rechts und links ist der Wald so dicht, dass man maximal 2 Reihen reinschauen kann. Tofino ist in Sonne gebadet, Menschen in Flipflops mit Surfbrettern unter dem Arm und einem Latte in der Hand laufen durchs Städtchen. Ich trinke einen Almond Latte und besteige dann ein Bötchen, um ein paar Wale zu sehen.

Grauwale sind es heute. Majestätisch. Wunderschön. Das Boot mit seinen 2×150 PS Motoren knallt über den Pazifik, nichts für schwache Mägen. Es ist eine einzige Achterbahn-Fahrt und ich jauchze und grinse. Nur als wir anhalten,  um Seelöwen und Seeotter anzuschauen und das Boot auf dem offenen Pazifik das Schaukeln beginnt, wird mir recht flau im Magen. Glücklicherweise verschwindet das sofort wieder, als sich das Boot wieder vorwärts bewegt.

Das Long Beach Lodge Resort ist eines der wunderschönsten der ganzen Reise. Direkt am Meer, welches man aus der großen Badewanne aus sehen kann, ein Badezimmer, welches größer ist, als die meisten Zimmer, in denen ich schlief und ein hervorragendes Restaurant. Long Beach selbst, ist ein großer, schöner Strand, der Sonnenuntergang ein Traum. Ich storniere eine Übernachtung und fahre am nächsten Morgen ganz früh Richtung Campbell River, um dort die Fähre nach Quadra Island zu besteigen und nochmal zur Farm zu fahren, um Tschüss zu sagen.

 


  

Mit jedem Kilometer näher, wird mein Herzklopfen lauter. Der Hund rastet fast aus vor Freude, wobei schwer zu sagen ist, wer sich mehr freut. Die Enten haben keinen Flaum mehr, sondern Federn. Bobby, das Miniatur-Schaf, folgt mir immer noch wie ein Welpe. Wir backen Brot, kochen Gulasch, machen den Kamin an. Es ist schön, als besuchte man die Lieblingstante. Am nächsten Morgen werden die Schafe zum Schlachter gefahren und eine Ziege. Wir essen noch Lunch zusammen, dann heißt es Abschied nehmen. Ich weine noch, als ich schon auf der Fähre bin.

 

Charlie, das Alpaka
Bobby, das Mini-Schaf
Villa Kunterbunt
Hiero ❤

Victoria. Die Hauptstadt von British Columbia. Sie liegt am Südzipfel von Vancouver Island und hat ihren Ursprung in einem 1843 errichteten Handelsposten der Hudson’s Bay Company. Der Name geht auf die britische Königin Victoria zurück.

Fisherman’s Wharft, mit ihren buten, wunderschönen Häusern direkt im Wasser, ein Weg am Hafen entlang, ein kleiner Seeotter, der neugierig das Köpfchen aus dem Wasser hält, die Sonne, die den Ahorn gelb und rot leuchten lässt und ein Wolkenschauer im Beacon Park. Es ist ein schöner Tag in einem bezaubernden Städtchen und der letzte auf der Insel, auf der ein großes Stück meines Herzens ein neues Zuhause-Gefühl und tolle Menschen gefunden hat.


  

Mit der Fähre geht es von Swartz-Bay nach Richmond, in die Nähe des Flughafens. Es ist ein sonniger Tag, der danach schreit, ihn am Meer zu beenden. Die Sonne geht unter im Gerry Point Park in Steveston, es gibt noch frischen Fisch zum Abschied.


  

Bis ganz bald, Kanada.

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