Eine denkwürdige Begegnung

Kurz vor dem Ortsausgang fällt mir ein, dass ich meinen Unternehmesausweis vergessen habe, also drehe ich die Runde im Kreisverkehr um 180 Grad und fahre nochmal zurück. Die Sonne scheint, es sind 11 knackige Grad, ein wolkenloser Himmel über der Stadt. Die Sonne blendet ein wenig.

In dem Moment, indem ich die Sonnenblende herunterklappen will, sehe ich sie aus dem Augenwinkel und trete mit beiden Füßen fest auf den Bremsklotz. Erstaunlicherweise habe ich in dem Moment die Stimme des Wagenverkäufers im Ohr: „Im Falle eines Falles, treten Sie mit beiden Füßen drauf, dann steht der Wagen wie ne 1.“

Womöglich hat mein Unterbewusstsein gerade ein Leben gerettet. Ich spüre jedoch, dass es einen Kontakt zwischen meinem Wagen und der Frau gab. Ich schalte den Warnblinker ein und springe aus dem Auto. Sie steht da. Klein, zierlich, ein großes Tuch um den zitternden Körper gewickelt, sie trägt einen Rock, ihre dicke Strumpfhose wirft Falten, als wäre sie zu groß, die Füße stecken in klobigen Schuhen. Mit einer Hand hält sie sich an meiner Motorhaube fest, die andere hat sie fest um das Tuch vor ihrer Brust zur Faust geballt, die Knöchel treten weiß hervor. Ihr Atem bildet Atemwölkchen, stoßweise.

Der Wagen hat sie am Bein berührt, glücklicherweise nur berührt. Ich berühre ihre Schulter, sie starrt auf den Boden. „Hallo, sind Sie in Ordnung?“ frage ich. Sie schweigt, der gesamte Körper zittert.

„Hören Sie mich? Geht es Ihnen gut? Haben Sie sich wehgetan?“

Ihre Lippen sind blau, eine dunkle Haarsträhne lugt unter dem Kopftuch hervor. Ich berühre sie sachte an der Schulter, um sie zum Bürgersteig zu führen. Hinter meinem Wagen bleiben andere Autos stehen. Jemand fragt, ob wir Hilfe brauchen, ich schüttele den Kopf und bedanke mich.

Sie lässt sich zum Bürgersteig führen. Ganz langsam setzt sie einen Fuß vor den anderen, als wären ihre Gelenke steif. Ihre Hand ist kalt. Ich öffne meine Jacke und ziehe die Frau an mich. Keine Ahnung, warum ich das mache. Ich kann sie komplett umarmen, sie ist so kalt und ich sehr warm. Beide Herzen rasen.

„Mamaaaa!“ höre ich und ein Körper schiebt sich zwischen sie und mich. „Mama!“.

Den Rest verstehe ich nicht. Diese Sprache kenne ich nicht. Ein Junge von vielleicht 10 oder 12 Jahren tastet ihren Körper ab, berührt ihr Gesicht und redet auf sie ein. Sie schweigt, legt den Arm um seine Schulter. Ich stehe etwas verloren da. Dann dreht er sich zu mir. Seine Augen sind rot verquollen, ganz klein sind sie.

„Nicht die Polizei rufen“ sagt er. Und fügt hinzu: „Bitte.“

Hinter mir hupt ein Wagen. „Fahren Sie mal beiseite!“ Ruft jemand rüber.

Ich schaue den Jungen an: „Frag Deine Mama, ob sie sich wehgetan hat“, bitte ich ihn.

Er schaut mich an. „Hat Deine Mama Schmerzen? Aua am Knie?“ frage ich und deute auf ihr Knie. Er schaut auf die Beine seiner Mutter, spricht mit ihr. Sie schüttelt den Kopf.

„Kann ich euch nach Hause fahren?“ frage ich.

„Nein, wir wohnen hier“ sagt er und deutet irgendwo hinter sich. Ich laufe zum Auto, suche ein Blatt Papier, schreibe meinen Namen und die Telefonnummer darauf. Gebe ihm den Zettel mit den Worten:

„Ruf mich an, wenn ich helfen kann. Oder gib jemandem die Nummer, der mich dann anruft.“

Er nickt, legt den Arm um die Taille seiner Mutter und geht.

Ich habe so viele Fragen.

2 Gedanken zu “Eine denkwürdige Begegnung

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