Körperwelten.

Ich wünschte, mir wäre so eine Szene aus der Dove-Werbung passiert, in der ich mich selbst male und dann von jemand anderem gemalt oder beschrieben werde. Und das Bild, was von mir gemalt oder beschrieben wird, stimmt mit dem Bild überein, das ich malte oder beschrieb.

Das würde bedeuten, dass ich mit mir im Reinen bin.

Manchmal überlege ich, ob ich eine Umfrage im Freundes- und Bekanntenkreis mache und die Leute bitte, 3 Attribute aufzuzählen, die ihnen zu meiner Person einfallen. Sie können den Charakter oder das Aussehen beschreiben.
Doch das lasse ich, denn ich kenne das Ergebnis, schließlich habe ich das Drehbuch geschrieben und halte mich daran.

So leicht es mir fällt, Perfektionen an anderen Menschen auszumachen, zu beschreiben und mich daran zu entzücken, so sehr feinde ich meinen eigenen Körper an und frage mich, ob es erst ein bestimmtes Alter oder ein schwerwiegendes Erlebnis braucht, um ihn lieben zu lernen und zu schätzen.

Es gibt diese entzückenden, körperlichen Attribute, an denen ich mich kaum satt sehen kann.

Da wären die wunderschönen Sommersprossen meiner Schwester, die sich jeden Sommer unzählig auf ihrem Gesicht vermehren und die ich seit jeher –  in Gedanken –  zu Blumen und an doofen Tagen zu kleinen fiesen Pickeln verbinde und mir bei jeder Sternschnuppe wünsche, selbst welche zu haben. Also die Sommersprossen.

Oder die Hände meines Vaters, die sehr groß sind, so groß, dass meine Hände, die auch riesig, klobig und unschön sind, immer noch in seine passen, mit kräftigen Fingern, von der Sonne, harter Arbeit und Alter angemalt. Immer warm und trocken.

Das Schlüsselbein einer Freundin, an dem ich mich nicht sattsehen kann, so perfekt geformt und sinnlich diese Kuhlen. Und ihre schönen Fesseln.

Die Wimpern  eines Freundes, die so lang sind, dass er schwer eine Sonnenbrille findet, in denen die Regentropfen glitzern oder neulich, auf dem einen Bild, die Schneeflocken hingen. Dazu seine leicht schiefen Zähne, selten verdeckt von den wunderschönen Lippen, die so oft lächeln und zauberhafte Grübchen in seinen Wangen formen, die mich an die Grübchen meiner Oma erinnern, deren Teddybär-Knopfaugen, umrahmt von Millionen zart gewobener Lachfältchen waren, obwohl sie so viel Leid und Kummer im Leben gesehen haben.

Die langen, muskulösen Beine einer Freundin, die über ihren Bauch schimpft, während ich den Blick kaum von den schönen Schenkeln abwenden kann und mich darüber freue, dass sie diese nun doch mit langen Hosen und hohen Schuhen betont.

Da ist der Mann mit diesen entzückenden Grübchen über dem Po, die man mit den Fingern ertasten kann, wie auch die einzelnen Knöpfe seiner Wirbelsäule, je nachdem, wie er den Rücken gerade dreht oder dehnt. Und die Vertiefungen an seinen Schultern, wo sich die Muskeln abzeichnen.

Diese eine Frau, deren Kurven mich schier um den Verstand bringen, die so unsicher ob ihrer Wirkung und Ausstrahlung ist und deren Umarmungen sich wie Wolkenwandern anfühlen und den Himmel auf Erden versprechen.

Die Kollegin, die jederzeit ein Hand-Modell sein könnte, mit ihren grazilen, schönen Fingern und Händen, die so sanft sein können, wenn sie eine nasse Wange berührt, um Trost zu spenden.

Und die Twitterin, die langsam Frieden mit ihrem Körper schließt und sich immer wieder durch unüberlegte Äußerungen verunsichern lässt, dabei eines der schönsten Lächeln hat, die ich je sehen durfte.

Der Mann, der sich die Hand vor den Mund hält beim lächeln, weil er seine Zähne nicht mag, wo ich nur Augen für seine lachenden Augen habe.

Die Frau bei Twitter, die sich recht gut selbst darstellt und auch kokettiert, wohlwissend um ihre körperlichen und vor allem geistigen Attribute, die sich jedoch blitzschnell verunsichern lässt, durch ihre Mutter.

Der menschliche Körper besteht aus sehr vielen Quadratmetern sensibler Liebesfläche. Wie einfach es ist, das bei anderen Menschen zu bemerken und wie schwer es ist, 3 Dinge zu finden, die man an sich selbst mag. Ohne Einschränkung. Auch wenn man sich vor Augen führt, wie gut einen dieser Körper bisher durch das Leben gebracht hat, was er bewältigt hat, was ihn gezeichnet hat, all seine Imperfektionen. Ein Körper, der Geborgenheit, Schutz, Erlösung, Frieden bringt. Anderen.

Und bevor ich falsch verstanden werde. Es geht nicht primär um Gewicht und Proportionen, sodern um die eigene Wahrnehmung. Ich bin sicher, dass ich nicht sehr viel glücklicher wäre, hätte ich Konfektionsgröße 38 und dabei immernoch eine Narbe im linken Auge, eine schiefe Nase, schiefe Zähne, ein zu großes Ohr, Knubbelknie, Narben und Milliarden von Muttermalen, statt Sommersprossen, Schwangerschaftsstreifen in den Kniekehlen und nen Entenarsch.

Es gibt viele Faktoren und Einflüsse, die uns immer wieder verunsichern und unsere Wahrnehmung verzerren: Die eigenen Eltern, die ihre Unzufriedenheit auf uns projizieren, Werbebotschaften, die uns erst einreden, dass etwas mit uns nicht stimmt und dann eine ‚Lösung‘ präsentieren, Sendungen und Trends.

Neulich bat ich mein Patenkind, uns beide zu malen. Er ist 5 und kann durchaus Proportionen malen. Ich hatte etwas Bammel davor und erwartete einen großen Kreis mit kurzen Beinen und dicken Händen, einer Explosion an der Stelle, an der andere Menschen Haare haben. Gehofft habe ich auf ein Strichmännchen mit einem großen Grinsen.

Er sagte „Keine Lust! Du hast doch das Foto von uns gemacht, wo wir voll lachen, nimm das mit und lass uns spielen.“

Ich habe keine Ahnung, ob das eine Weisheit ist, aber ich werde heute ganz doll versuchen, 3 Dinge an mir zu finden, mit denen ich zufrieden bin. Versucht es auch.

 

  
 

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24 Gedanken zu “Körperwelten.

  1. Wunderbare Gedanken und dabei auch noch so wahr. Wir alle sollten mal darüber nachdenken und uns selbst viel mehr mögen. Wir sollten die Sichtweise von „was ist nicht schön an mir“ zu „das ist schön an mir“ korrigieren denn jeder Mensch ist schön. Und liebenswert sowieso!
    Danke für deine Zeilen!

  2. Wir sollen 3Dinge an dir finden?
    Kenne nur das Bild, aber es ist leich süßes Lächeln, die strahlenden Augen und die hübsche Nase.
    Denke mal, andere Bilder würden das bestätigen.

    Guter Text, zeigt auch innere Schönheit von dir (ups 4)

    • Nein, Du sollst 3 Dinge an Dir finden, das ist viel schwieriger. Für manche, zumindest.
      Dennoch danke ich DIr -für die Zeit und die lieben Worte 🙂

  3. (Was andere „Entenarsch“ nennen, ist für mich: eine ausreichend dimensionierte Erziehungsfläche.)

    An mir: die langen Haare, die empfindlichen Fingerkuppen, die Falten in den Augenwinkeln …

  4. Es gibt immer etwas. Wir sehen es bei anderen, aber nie an uns selbst. Mir geht es wie dir, ich kann versinken in kleinen Dingen, die ich an Menschen ganz bezaubernd finde. Oft auch enorm erotisch.

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