Pierogi

Es stand recht früh fest, dass ich meinen runden Geburtstag nicht zuhause feiern möchte. Wer in der Fastenzeit in Polen geboren ist, hat als Kind in Bezug auf Geburtstage eh bescheidene Karten gezogen. Zumindest in meiner Familie. In der Fastenzeit werden keine Feste gefeiert. somit habe ich nie wirklich viel Hehl um diesen Tag gemacht. Bis ich in der Pubertät in Deutschland zu Geburtstagen eingeladen wurde und feststellte, wie schön das ist, wenn sich einen Tag lang alles um einen dreht, die Leute besonders nett sind, die Mamas das Lieblingsessen kochen und man schöne Geschenke bekommt. Änderte nichts daran, dass ich selbst meinen nicht feierte.

Wohin also? Wellness in Reykjavik? Entspannung in Prag? Verstecken in Helsinki? Oder eine Reise in die Heimat? Ausschlaggebend war der 88. Geburtstag meiner Großmutter, die ich bereits seit mehr als 5 Jahren nicht gesehen hatte und die nur 6 Tage vor mir „feiert“.  Also Oma besuchen und dann für ein paar Tage nach Krakau, eine der schönsten Städte der Welt. Mit Smok (Wawelski) und einem Smog, der dazu führt, dass man Popel aus der Nase rausoperieren möchte und weiße T-Shirts am nächsten Tag nicht mehr anzieht.

Meine Sprachkenntnisse sind nach wie vor beeindruckend, wenn man bedenkt, dass ich seit 28 Jahren in Deutschland „zu Besuch“ bin. Ich telefoniere jedoch regelmäßig mit Oma. Manchmal aus Pflichtgefühl, wenn Mama wieder daran erinnert, dass Oma Namenstag hat oder „Oma-Tag“ oder „Tag des 2. Vornamens des Schwagers …“ – an Feiertagen mangelt es in Polen nicht, das ist klar – aber auch wissend darum, dass sie im Dorf recht einsam ist und sie gerne zuhört, wenn ich von meinen Reisen erzähle oder sich darüber amüsiert, wenn sie mich wieder mal ein Wort minutenlang umschreiben lässt, weil es mir auf polnisch nicht einfällt. Außerdem sagte sie mal: „Mein Mädchen, meine Große, Du hast ein Lachen, das macht einem das Sterben doppelt so schwer“ – also halte ich mich dran, so schnell lasse ich sie nicht gehen. Zumal Oma mit 88 an diversen „alte Leuten-Leiden leidet“, im Kopf jedoch nach wie vor so scharf ist, wie eine polnische Rasierklinge. Sie abonniert eine antiklerikale Zeitung, schaut Nachrichten und liest sehr gerne.

Ich bin das drittälteste von 10 Enkelkindern.

Das wird keine tränenreiche „Oma kocht das Lieblingsessen und wir lächeln uns stundenlang an und verstehen einander ohne Worte“-Geschichte. Die Oma meines Herzens und meiner Seele ist bereits gegangen. Diese Oma ist eine, die ihre Kinder und Enkel mit strenger Hand erzog und führte. Fürsorglich, jedoch nicht umgarnend. Ihre Anerkennung und Liebe musste man sich verdienen: Durch gute Schulnoten, einwandfreien Gehorsam, Fleiß, Geschickt in der Handarbeit (an der Stelle musste ich in allen anderen Kategorien doppelt so hart arbeiten, da gänzlich ungeschickt) und nochmal Gehorsam.


Diese Frau ist resolut, streng, kommt ohne Umschweife auf den Punkt, nimmt kein Blatt vor den Mund und kann einen problemlos vor der gesamten Familie bloßstellen. Ohne, dass sie es darauf anlegt. Als fest stand, dass ich sie sehen werde, habe ich ernsthaft Bauchschmerzen bekommen bei dem Gedanken daran, wie sie mich einem großmütterlichen body check unterzieht, bei dem James Bond und Putin in die Hose machen würden. Seit ich denken kann, hat sie an allen rumgemäkelt: Zu dick, zu dünn, zu lange/kurze Haare, zu wenig/zu viel hiervon oder davon.______________

Ich hatte ganz vergessen, dass ich diesen Text in den Entwürfen hatte. Die Reise ist bereits einige Monate her und was soll ich sagen: Ich habe ihr eine Ansage gemacht. Und danach hatten wir 2 richtig schöne Tage mit vielen Gesprächen. Ich habe sie als Quelle förmlich ausgesaugt: All ihr Wissen über meine Mama, über meine Kindheit, ihre Kindheit und Jugend, über das Leben an sich, ihre Ansichten darüber, was sie bereut und worauf sie stolz ist.

Wer weiß, ob ich sie nochmal sehen werde. Es war eine gute Reise. Und eine längst überfällige.

 

 

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