Input overload.

Ich glaube, dass ich dieses Leben zum ersten Mal lebe und das ist nur eine bedingt relevante Erkenntnis,  die weder irgendetwas entschuldigt noch einfacher macht. Dies ist zwar in jedem Kindergarten/Schule/Uni/Job anfangs ein gültiges und anerkanntes Argument, zieht sich jedoch leider nicht durch das Leben.
Irrelevant ist dieses Argument vor allem für das, was nicht durch DIN, Paragraphen, Gesetze und Regeln genormt ist: Die eigene Meinung.

Grundsätzlich hat jeder das Recht auf seine Meinung. In Bezug auf alles. Das ist ein Segen und gleichzeitig unsäglich schwer in Bezug auf so vieles, mit dem unser erstes Leben uns konfrontiert. Denn man erwartet, dass wir eine Meinung haben. Zu allem.

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Noch nie war es so einfach sich zu informieren. Das Wissen in der Handfläche, jederzeit abrufbar. Keine Ausrede mehr, dass man etwas nicht weiß, nicht mitbekommen hat. Es wird nicht mehr diskutiert, nachgedacht, sich erinnert, sondern gegoogelt. Gespräche und Diskussionen werden im Keim erstickt, weil man die Antwort auf jede Frage nachschlagen kann. Dabei und damit geht jedoch leider auch eine Diskussionskultur verloren, der Austausch, die Überzeugung, die eine Meinung manifestierte und stark machte. Einen Menschen authentisch machte. Statt eine eigene Meinung zu formen, senden wir uns YouTube-Links, Tweets, WhatsApp, Artikel und suggerieren damit, das wäre unsere Meinung. Vorerst.

Doch eines nach dem anderen: „Früher“ waren meine Informations- und Wissensquellen meine Eltern, Freunde, Familie, Lehrer und Bücher. Später kam die ein oder andere Zeitschrift hinzu, eine Fernsehsendung und das Radio. Doch damals musste ich weder politisch versiert sein, noch habe ich gravierende Entscheidungen treffen müssen, die mein Leben enorm beeinflussten.

Je mehr wir selbst entscheiden dürfen und müssen, je mehr die mediale Globalisierung voranschreitet und unsere Daten auf den Märkten gehandelt werden, umso mehr müssen wir uns informieren, eine Meinung entwickeln und verteidigen/begründen können:

Reicht mir im Falle einer Berufsunfähigkeit eine Rente von xy € und wem vertraue ich bei der Frage?
Welcher Partei traue ich eher zu, dieses Land erfolgreich/sozial verträglich/etc. zu führen und woran mache ich das fest?
Was genau schreibe ich in meine Patientenverfügung, ohne medizinisches Hintergrundwissen?
Welche Flüchtlingsorganisation ist vertrauenswürdig und wie verlässlich sind die Informationen darüber im Netz?
Ist es okay, die Buttermilch von Müller zu trinken, obwohl es da im III. Reich angeblich irgendein Gekröse gab?
Gibt es Informationen, die „neutral“ sind oder gehört alles, was ich im Netz finde zu einem ausgeklügelte Big Data-Plan und dient ausschließlich der Manipulation?
Ist es okay etwas aus „Die Welt“ zu zitieren oder wäre „Die Süddeutsche“ eine „bessere“ Quelle?
Welcher Meinungsmacher, dem ich folge, ist in Wahrheit noch authentisch?
Soll ich lieber Dieter Nuhr für den Bundeskanzler vorschlagen oder eher Volker Pispers, Serdar Somuncu, Carolin Kebekus oder Dennis aus Hürth?
Ist es okay, Michelle Obama zu feiern oder hat sie ggf. mal was echt Doofes gesagt und ich habe das nur noch nicht mitbekommen?
Ist jeder, der einen anderen Menschen schlägt, ein von Grund auf schlechter Mensch oder hat er ein Kackleben oder Kindheit gehabt und verdient eine zweite Chance?
Bedeutet eine feste Meinung, dass man nicht offen für andere Argumente ist?
Wie fest ist eine feste Meinung, außer in Bezug darauf, dass Rosenkohl nicht hätte erfunden werden dürfen?

Wie gefestigt kann eine Meinung sein, wenn man andauernd mit neuen Hinweisen, Gerüchten, Fakten, getarnten Lügen konfrontiert wird und dann doch justieren muss, außer man ist Zeuge Jehovas oder radikales AfD-Mitglied?
Wie weit kann man sich auf den eigenen gesunden Menschenverstand (und wer diagnostiziert das, außer die 34 Tests bei Facebook) verlassen und sich mit einer Grundeinstellung anfreunden?

Brauchen wir solche Leitfäden, damit wir besser filtern können und auch anderen dabei helfen, dies zu tun?

Wovon wir heutzutage eine Menge haben, das ist Halbwissen. Ich staune oft darüber, wie schnell wir Dinge nachplappern und wie oft wir eine Meinung ändern, wobei ich mir nun sicher bin, dass es keine Meinung ist. Und schon gar nicht die eigene Meinung, aber immerhin haben wir zu dem Thema was gesagt. Und morgen sagen wir was anderes. Je nachdem, wer twittert oder ein YouTube-Video dazu macht.

Es ist schwieriger geworden auseinanderhalten zu können, was wahr ist und was nicht.
Wann und ob wir manipuliert werden.

Kann ich darauf vertrauen, dass die heutige Informations-Landschaft und der Aufklärungsgrad in der Bevölkerung ausreichen und dabei helfen, zu verhindern, dass sich die Geschichte aus dem letzten Jahrhundert wiederholt und haben das die Amerikaner nicht auch geglaubt?

Reicht es, dass ein Ralph Ruthe, Peter Breuer, die politisch versierten Comedians mit ihren Ansprachen, Schauspieler wie Jan Josef Liefers, die immer wieder an die Menschen appellieren, das Hirn einzuschalten, reicht es, dass diese und ganz viele andere Menschen mit ihrem Können, Humor, Wissen ihren Einfluss nutzen, um uns die Vergangenheit nicht vergessen zu lassen? Die uns ermahnen, nicht den Terror zu fürchten, sondern Nächstenliebe zu leben?

Kann ich selbst etwas dazu beitragen, mit Vorurteilen und Mythen aufzuräumen, indem ich den Kopf nicht senke, den Rücken nicht krumm mache, wenn man mir sagt: „Pass bloß auf, Du hast ja gesehen, was mit dem Mädchen passierte, das Flüchtlingen geholfen hat“, obwohl mir ein kalter Schauer über den Rücken läuft ob der offensichtlichen Angst in den Augen dieser Person?

Fakt ist, dass ich nicht weiß, ob das reicht. Ob meine Meinung reicht. Ob meine Meinung Bestand hat.
Ich bin jedoch mehr als bereit, es zu versuchen.

 

„Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen; ein Werdender wird immer dankbar sein.

– Johann Wolfgang von Goethe

 

6 Gedanken zu “Input overload.

  1. Was soll mensch noch schreiben, wenn du es so klar auf den Punkt gebracht hast. Vielleicht schaffe ich die Frage, ob es früher weniger Zweifel und Fragen gab, ob es früher einfacher und sicherer war sich auf die üblichen seriösen Quellen zu verlassen. Ich weiß es nicht.

    Danke für deinen Text!

    tobinger

  2. Ein wunderbarer Text, dem nichts hinzuzufügen ist!
    Noch nie war es so einfach, an Informationen zu gelangen, doch leider haben die wenigsten von uns gelernt, sich kritisch mit dieser Flut an Informationen auseinander zu setzen…
    Vielen Dank für diesen Artikel!

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