„Du bist dick.“

Neulich war ich mit meinen 4-jährigen Patenkindern verabredet. Wir wollten mit einer handbetriebenen Fähre über die Sieg fahren – man kann an der Stelle als Erwachsener durch die Sieg laufen, aber für Kinder ist das ein kleines Spektakel.

Es war heiß an dem Tag, ich fuhr mit offenem Verdeck und parkte unter einer Brücke im Schatten. Beim Einparken sah ich einen flachsblonden Jungen mit nacktem Hintern ins Gebüsch pullern, schätzte ihn auf 3 Jahre. Moritz (wie sich später herausstellte) sah mich einparken und das Verdeck schließen und kam mit großen Augen angerannt. Seine Mutter war zu dem Zeitpunkt ein paar Autos weiter fast komplett im Kofferraum eines SUV verschwunden und wickelte die kleine Schwester von Moritz. Folgender Dialog entspann sich:

Moritz: „Du hast ja ein tolles Auto! Was ist das für einer?“
Ich: „Danke schön. Das ist ein Golf Cabrio.“
„Aha! Wir haben sowas nicht. Nur Schiebedach.“
„Das ist doch auch schön, dann kannst Du ja während der Fahrt in den Himmel gucken.“
„Hast Du denn auch Rücksitze? Kann ich mal mitfahren? Kannst Du das Dach nochmal aufmachen?“

Es folgte ein kurzes Fachgespräch über Autos. In der Zwischenzeit gesellte sich die kleine Schwester dazu, die sogleich meine Beine umarmte und sich an mich drückte. Ich wunderte mich ein wenig über die Zutraulichkeit beider Kinder, zumal die Mama nach wie vor in den Kofferraum des Wagens vertieft war und von dort aus nicht sehen konnte, wo ihre Kinder sind. Während also die Kleine mit meinen Beinen kuschelte, fragte Moritz mich, wo meine Kinder denn seien und warum ich jetzt eine kurze Hose anzöge (was etwas schwierig war, da nach wie vor ein extrem süßes Mädchen mit meinen Beinen kuschelte) um dann festzustellen: „Du bist dick. Meine Mama ist nicht dick. Mein Papa auch nicht.“

Puh. Nachdem ich das Messer aus den Speckschichten gezogen hatte, halbwegs wieder die Röte aus meinem Gesicht verbannte und in das offene, lächelnde Gesicht von Moritz schaute, wurde mir klar (abgesehen vom Fakt, dass er offenkundig sehr gute Augen hat), dass er nicht wertete mit seinen 3 Jahren, sondern beobachtete, bzw. feststellte und natürlich damit Recht hatte. Nachdem ich wieder Luft in den Lungen hatte, sagte ich statt „Ey, das sagt man nicht, was soll das?“

„Du hast Recht, Moritz. Ich bin dick und super nett, wie Du auch.“

Woraufhin mir Moritz nochmal die Luft nahm, indem er sagte: „Ich finde Dich hübsch.“

Dann wurde er von seiner Mutter abgepfiffen, die mich fragte, ob ihre Kinder mich belästigt hätten, was ich lachend verneinte, mich allerdings über die Wortwahl ein wenig wunderte.

Ich zog mich um und lief Richtung Siegfähre, wo mir eines meiner Patenkinder entgegenlief und sich, laut meinen Namen rufend, in meine Arme warf. Ich nahm ihn hoch und drückte ihn ganz fest, küsste seine Wange, wurde geküsst und hörte Moritz zu seiner Mama sagen: „Die Frau mit dem Cabrio finde ich hübsch, Mama.“

Ich bin seit 6 Jahren Patentante von Alex und seit 4 Jahren von Jonas und irgendwie auch seinem Zwillingsbruder Niklas. Ich habe ein weiteres männliches Zwillings-Paar im Alter von 3 Jahren, das ich sehr oft sehe und finde es interessant, ab wann aus einer reinen Feststellung/Beobachtung eine Wertung wird. Immer dann, wenn sie es vorgelebt bekommen, von den Eltern, Großeltern, Freunden …

Zuerst ist dick und dünn nur eine Bezeichnung, nicht nur für Menschen, auch für Linien, die man zeichnet oder Formen, die man knetet.

Zuerst ist „behindert“ (wenn man das überhaupt so gebrauchen muss) nicht gleichzusetzen mit „doof“ oder „gaga“ oder „scheisse“.

Zuerst ist schwul nicht „krank“, „behindert“ oder „ekelhaft“, sondern ein bezeichnendes Wort für die Liebe zwischen zwei Männern.

Und so weiter, und so fort.

Wir geben diesen Bezeichnungen einen (meist) abwertenden Stempel. Für Moritz ist es egal, ob ich dick oder dünn bin. In erster Linie war ich zu ihm nett und freundlich.

Schade, dass sich das mit der Zeit verliert.

7 Gedanken zu “„Du bist dick.“

  1. Sehr schön beschrieben!
    Und stimmt. Sehr schade.
    Aber ich glaube, man kann dagegen an arbeiten. Also überhaupt vermitteln, dass man Menschen nur nach ihrem Tun bewertet, weil alles andere nicht wichtig ist. Am einfachsten, indem man es vorlebt.

  2. Nach meiner Erfahrung bewerten Dreijährige sehr wohl, und zwar gnadenlos. Der Unterschied ist eher, dass sie nicht strategisch beim Mitteilen dieser Bewertungen vorgehen. Wenn Erwachsene sagen, dass Du dick bist, teilen sie mit, dass sie Dein Dicksein so dramatisch finden oder Dich so wenig mögen, dass sie die Höflichkeitsschwellen unserer Gesellschaft überschreiten. Kleine Kinder haben keine Höflichkeitsschwellen. Moritz fand Dich hübsch UND dick. Was sich auch in den Augen der meisten Erwachsenen nicht ausschliesst. Was Du beschreibst ist vor allem der Konflikt mit Deinem Problem, Dich selbst anzunehmen. (Letztlich ist es ja auch egal, was die anderen Wirbeltiere von uns denken.) Geht natürlich fast allen von uns so, egal ob wir dick sind.

    • So sehe ich das auch. Kinder können schonungslos ehrlich sein, was sich später durch die geistige Entwicklung und der Prägung der Gesellschaft und der Eltern in dem Sinne verliert, als das sie es nicht mehr aussprechen. Ob sie sich aber annimmt, wie sie ist, kann ich nicht beurteilen. Getroffen haben sie die Worte aber schon, soviel kommt raus, wäre ihr sonst keinen Artikel wert.

  3. Bin ich Dick? Die Kinder meines 74 jährigen Onkels, wohnhaft im Rhein Sieg Kreis, (1x 6 Jahre; 2x 11 Jahre) – ja so etwas gibt es wirklich – bezeichnen mich so. Aber bin ich es wirklich? Gefühlt schlidder ich immer noch wie vor 20 Jahren über das Eis oder Turnhallenböden und spiele Hockey, nur halt mit 110kg bei 1,80m und nicht wie damals mit 78kg. Bei der Rollnacht laufe ich auch mit 38 Jahren so manchem 28 ziger davon, der Idealmaße incl. BMI hat. Ich kann heute noch „Herren“ Spagat und habe ab und zu Grips und muss gestehen, dass ich mich trotzdem unwohl fühle. Aber verurteilt und betitelt man deswegen andere Menschen? Sicherlich NICHT! Würde mir so etwas in den Sinn kommen? Sicherlich NICHT! Würde ich so etwas meinen potentiellen Kindern ausreden wollen SICHERLICH!

  4. Cool. Ich habe mich von dir inspirieren lassen. Sehr schöner Schreibstil. Denke dein ok für das verlinken bei Tumblr gilt auch für hier, denn ich denke, diese Seite ist eher was für mich, habe den Tumblr Account gelöscht.

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