Bist Du sozial loyal?

Jeden Morgen beginne ich den Tag mit einer kleinen Runde durch mein soziales Gewissen, indem ich mir bei Instagram Tipps und gut gemeinte Ratschläge abhole. Nicht, dass ich sie bestellt hätte, das ist ja das Großartige an diesen sozialen Netzwerken: Man bekommt sie einfach so frei Haus und ja, man möchte sie auch haben, denn sonst hätte man ja das Bild von der Leberwurstbemme ja nicht da hochgeladen, sondern ins Tagebuch gemalt. Also lese ich, dass ich mein Bio-Rinderhackfleisch bitte nicht abgepackt im Supermarkt kaufen soll, sondern gefälligst direkt von der Metzgerei und mein Obst schälen soll, in der Haut seien eh nur noch Pestizide statt Vitamine.

Bei Twitter lerne ich, worüber ich heute gefälligst zu twittern habe, denn es kann ja nicht sein, dass schon wieder ein Promi Selbstmord begehen muss, damit ich co-betroffen in puncto Depression bin.

Und überhaupt: Müssen die Frauen weltweit erst den #metoo verwenden, damit ich mir Gedanken darüber mache, ob ich mich von Männern sexuell belästigt und unterjocht fühle? Immerhin würde ich ja mein Profilbild in den jeweiligen Farben des vom Terrorismus betroffenen Landes färben, aber vergesse darüber hinaus, meine Betroffenheit ob der Kinderarmut in Deutschland zu äußern.

Und was ist mit den männlichen Küken, den überfahrenen Igeln, den Kröten, die die Umleitungsschilder für die eigens für sie gebaute Unterführung wieder nicht im Kröten-Anzeiger gelesen und sich haben überfahren lassen?

Was ist mit den Frauen, die eigentlich Männer sind, die Männer, die eigentlich noch Kinder sind und habe ich meine Großeltern schon angerufen, solange sie noch leben, denn dann ist es zu spät und dann habe ich den Schlamassel und konnte nicht aufarbeiten, werde depressiv und dann müssen alle ihre Profilbilder in den Farben meines Familienwappens färben.

Über Facebook rede ich erst gar nicht. Da schaue ich mir nur meine nächsten Reiseziele an, aber muss vorher noch 12 Tests machen, ob ich auch wirklich sicher bin, wie man sich die Hände richtig wäscht und welcher Scheidenpilz-Typ ich bin.

Ihr merkt, es ist ein wenig überzogen*.

Ich bin überzeugt davon, dass der Mensch mit einem Selbstschutz-Mechanismus ausgestattet ist, der verhindert, dass wir ALLES so nahe an uns ranlassen, dass es uns lebensunfähig macht. Kennt ihr das?

Da gibt es diese Abkürzung von der Bahn nach Hause, sie verläuft etwas abgelegen an einer Baustelle entlang, links und rechts ist eine dichte Hecke. Wenn ihr diesen Weg nehmt, seid ihr in 5 Minuten zuhause, statt außen rum zu laufen. Den Weg nehmt ihr jeden Tag, ohne darüber nachzudenken.

Und jetzt denkt darüber nach: Wäre das im Dunkeln nicht der perfekte Ort, um euch aufzulauern und euch sexuell zu belästigen oder gar zu meucheln? Mit dem Gedanken im Kopf geht ihr den Weg nicht mehr. Nach jedem Horror-Film oder gruseligen Thriller beschleunigt sich unsere Atmung kurz, wenn es auf dem Weg zum Auto irgendwo raschelt.

Ich bin sicher, wir haben diesen Selbstschutz, der Böses filtert, der uns nicht jeden Tag und jede Minute daran denken lässt, dass uns bei 200 km/h auch ein Reifen auf der Autobahn platzen könnte, jemand einen Stein von der Brücke direkt auf unsere Frontscheibe wirft, wir in dem Flugzeug sitzen, das heute abstürzt und warum wir nicht diejenigen sein sollten, die in der eigenen Wohnung abgeschlachtet werden.

Mir ist bewusst, dass dieser Selbstschutz angegriffen wird, oftmals bekommt er irreparable Schäden. Doch was meinen aufrecht hält, ist der Glaube daran, dass es ihn gibt. Und er ist effektiver als die Vorwürfe von mit fremden Menschen in den sozialen (!) Netzwerken, die sich geneigt fühlen mir vorzuschreiben, wem ich heut die Stange halten müsse, da ich ansonsten ein schlechter Mensch wäre und mit verantwortlich dafür, wenn sich jemand, der an Depressionen leidet, das Leben nimmt. Oder wenn eine Frau sexuell belästigt wird, weil ich mich nicht dazu geäußert habe.

Bis mir nicht das Gegenteil bewiesen wurde, werde ich unbekümmert leben, bis ich eines Tages sterbe.

 

*nur an manchen Stellen

 

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2 Gedanken zu “Bist Du sozial loyal?

  1. Oh, du sprichst mir aus der Seele (wechsle von Sie zu Du- hoffe ist ok)! Ich wünschte, ich wäre so bei mir wie Du und könnte mich besser abgrenzen. Stattdessen machen mich genau diese Gedanken, die Du da beschreibst fast verrückt. Nicht, dass ich konkret aktiv werden würde. Stattdessen bin ich schwer damit beschäftigt mich schuldig zu fühlen. Nach aussen wirkt es ganz anders, aber innen bin ich zugemüllt mit Gedanken, die mir sagen, was ich falsch mache oder anders und besser machen sollte.
    Und wie schön: da kommt der nächste Gedanke: jaaaa, versinke in Selbstmitleid- du hast es wirklich ganz, ganz schwer! Danke Hirn, das hat jetzt geholfen.
    Ähm ja.
    Ich lese Dich sehr gern. Du wirkst so herrlich echt und unaufgesetzt.
    Liebe Grüsse

    • Liebe Cornelia,
      danke für Deinen Kommentar und die sehr lieben Worte.
      Es ist nicht einfach, richtig zu filtern. Ich bin der Ansicht, mein Unterbewusstsein macht das ganz gut, seit ich noch deutlicher darauf höre 🙂

      Lieben Gruß,
      Meg

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