Fett – ein Gastbeitrag

Das hier ist ein Gastbeitrag von Suse Bock-Springer. Sie hat ihn auf ihrer Facebook-Seite geschrieben und ich darf ihn mit ihrer Erlaubnis hier abbilden:

CN: Fettfeindlichkeit, Essen, Körpernormierung, sexualisierte Gewalt
Dieser Post ist mir unangenehm und wird mir auch am Ende noch unangenehm sein. Denn ich spreche nicht gerne über meinen Körper. Warum…? Naja…
Ich war seit ich denken kann das dicke Mädchen. Und das, obwohl ich nicht immer das dicke Mädchen war.
Ich komme aus einer Familie in der es einige dicke oder fette Menschen gibt.
Ich komme aus einem Umfeld, in dem es abseits von mir kaum Personen unter 40 Jahren gab, die dick oder fett waren.
Ich lebe noch immer in einer Gesellschaft, die von Erwartungshaltungen an Körper geprägt ist, insbesondere an Körper, die weiblich gelesen werden.
Ich lebe in einer Gesellschaft, in der Fettsein mit Hässlichkeit gleichgesetzt wird. Einer Gesellschaft, in der es für weiblich gelesene Personen fast nichts schlimmeres gibt, als fett beziehungsweise hässlich zu sein. Ich komme aus einer Gesellschaft der Diätkultur, der Körpernegativität, der Oberflächlichkeit, der Normierung von Oberflächen.
Ich lebe in einer Gesellschaft, in der Frauen auf die Frage, was sie bei Online-Dating am meisten befürchten, antworten „ich hab Angst ermordet oder vergewaltigt zu werden“ und Männer antworten auf die gleiche Frage: „Dass sie fett ist.“
Ich lebe in einer Gesellschaft, in der Frauen ohne Normkörper gesagt wird, sie müssten froh sein für sexualisierte Gewalt und Übergriffe, weil sie sonst ja keiner anpackt.
Ich lebe in einer Gesellschaft, in der von klein auf mein Essverhalten beeinflusst und kritisiert wurde. Zu viel, zu wenig, nicht das richtig.
Ich komme und lebe in einer Gesellschaft, in der eine zuckerfreie Cola zu bestellen belächelt und kritisiert wird, weil man sich ja auch mal was gönnen muss. Außer, man sieht aus wie ich. Dann kann man weder zuckerfreie Cola, noch Cola mit Zucker, noch Wasser bestellen, denn EGAL, was eine Person mit einem Körper wie meinem bestellt, es kommen Fragen.
„Bist Du auf Diät?“
„Bist Du sicher, dass Du das (noch) trinken/ essen willst/solltest?“
„Findest Du es nicht unsinnig eine zuckerfreie Cola dazu zu bestellen?“
„Findest Du nicht, dass darauf lieber verzichten solltest?“
„Wieso isst Du denn Salat?“
„Wieso isst Du?“
„Wieso isst Du das?“
„Wieso isst Du das jetzt nicht?“
Ein Bühnenbekannter von mir, Grollinger von Groll, schrieb irgendwann mal in einem Post, er habe an einem Bahnsteig einen Burger gegessen und sei dafür angefeindet worden.
Ich kenne diese Geschichten nicht nur von mir. Ich kenne sie von fast allen dicken Personen, mit denen ich mehr als drei Worte gewechselt habe. Ich kenne sie seit ich denken kann und das, obwohl ich nicht immer „übergewichtig“ war.
Mir ist von klein auf suggeriert worden, dass NICHTS an meinem Körper richtig ist, so wie es ist. Dass nichts an meinem Essverhalten richtig ist. Dass ich zu viel Platz wegnehme.
Ich hatte keine realistische Chance, ein realistisches Körpergefühl oder Essverhalten zu entwickeln.
Ich lebe in einer Gesellschaft, die aktuell eine globale Pandemie erlebt. In einer Gesellschaft, in der darüber gewitzelt wird, dass man „fett geworden sei“ während Corona und wie schlimm man das fände. In einer Gesellschaft in der jedes Jahr zum 1.1. mit „endlich einen Beachbody“ Menschen in Verträge für Fitnessstudios, Nahrungsergänzungsmittelabos, Sportklamotten und Scham eingeworben werden.
Ich lebe in einer Gesellschaft, in denen Apps existieren, in denen fette Körper vom Logarithmus verborgen werden. In denen vermeintliche Idealnormkörper mit dem #bodypositivity Fitnesstrainer:innen bewerben.
Ich lebe in einer Gesellschaft, die mich anstarrt, wenn ich im öffentlichen Raum esse. In einer Gesellschaft, die mir vorschreibt mit dieser oder jener Fettverteilung dieses oder jenes Kleidungsstück lieber nicht zu tragen.
Körper sind das erste, das man als sehende Person an einer anderen Person sieht. Aus der Entfernung oder der Nähe. Wir sehen Körper.
Wir sehen Hautfarbe, wir sehen Körperform, wir sehen Behaarung.
Wir reagieren auf Hautfarbe und Körperform und Behaarung.
Wir urteilen aufgrund von Hautfarbe und Körperform und Behaarung.
Wir vermuten Geschlecht.
Als weiblich gelesene Person fett und oder „haarig“ zu sein, ist auf so vielen Ebenen fast unerträglich. Egal, wie klug, witzig, schön, differenziert, stark oder freundlich ich bin, ich bin immer noch fett. Immer noch da, immer noch zu viel.
Ich kann nicht unsichtbar sein, ich habe es versucht.
Ich habe Worte über mich und meinen Körper gehört, die niemand hören sollte von Leuten, die mich gar nicht oder auch sehr gut kannten.
Ich habe lange Hosen und Ärmel getragen, bei über 30 Grad, um niemandem meinen Körper zuzumuten.
Ich habe Kissen vor dem Bauch, wenn ich sitze.
Mache Fotos von oben, überstrecke mein Kinn, damit mein Gesicht schlanker wirkt.
Ich habe versucht mich daran zu erinnern, wann ich damit angefangen habe. Habe versucht mich an das erste Mal „nein, nein, ich trage lieber was dunkles als was buntes“ mit irgendeiner Ausrede zu erinnern. Ich habe versucht, mich an das erste Mal „ich darf jetzt nichts essen“ zu erinnern. An das erste Mal „nein, ich mag den Geschmack von zuckerfreier Cola lieber“. An das erste Mal „ich steh‘ lieber ganz hinten auf dem Foto“. An das erste Mal „nein, ich will lieber nicht auf dem Foto mit drauf sein.“ An das erste Mal „ich verdiene es nicht, dass Personen mich mögen, so wie ich aussehe.“ An das erste Mal „ich kann nicht glauben, dass Du mit mir sprichst, ich bin viel zu fett!“.
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Ich habe die Fettfeindlichkeit und Körpernegativität, die mir in über 30 Jahren meines Lebens entgegengeschlagen ist, so sehr verinnerlicht, dass ich mittlerweile gezuckerte Cola zu süß finde, das klebt mir zu sehr.
Ich trage mittlerweile aus Überzeugung schwarz, weil ich glaube, dass es mir besser steht.
Und es ist nur ein Bruchteil an übernommenen Fettfeindlichkeiten, die ich in mir trage.
Ich kann die Schönheit anderer, vielfältiger Körper so sehr schätzen, meine nicht, weil ich kaum erlebt habe, dass mein Körper liebenswert oder wenigestens respektabel ist.
Und das ist so abgefuckt.
Ich bin so wütend, auch auf mich, weil ich Teile diese Feindlichkeiten so sehr in mich aufgenommen habe.
Ich bin wütend, dass ich Kissen vor dem Bauch halte, mich kleiner mache, versuche keinen Platz wegzunehmen, mich nicht traue, schwimmen zu gehen, wenn da viele Leute sind, mich auf Fotos von Veranstaltungen nicht anschauen mag, manchmal nicht mal in den Spiegel schauen kann.
Aber ich bin noch viel wütender auf und verletzter von Menschen, die diese Feindlichkeiten aufrecht erhalten. Die Dünnsein als Norm ansehen. Die glauben, sie wüssten etwas über mich, wenn sie meinen Körper sehen. Die glauben, „Du bist nicht fett, Du bist voll hübsch“ wäre ein Kompliment.
Dünne Personen, die sagen, dass „sie sich auch nicht immer in ihrem Körper wohlfühlen“. Die behaupten, dass nur ein bisschen Sport und so schon voll viel HELFEN würden.
Ein bisschen Sport. Fick Dich. Weißt Du, wie dicke Menschen beim Sport angestarrt und kommentiert werden. Anstrengender als jedes fucking Training sind die Blicke, wenn ich aus dem Fitnessstudio komme oder reingehe. Wenn ich Sportbekleidung kaufe(n will).
Mir ist mein Leben lang eingeredet und signalisiert worden, dass mein Körper ein Problem ist. Dass Fettsein ein Problem ist – nicht „gesundheitlich“ sondern gesellschaftlich. Das fette Körper nicht liebenswert sind. Nicht schön. Dass Menschen, die Fett sind, keinen Respekt verdient haben.
Sag mir, wie ich das in all den Jahren nicht hätte verinnerlichen sollen.
Wie sollen Menschen, die mit nicht normativen Idealkörpern in dieser Welt existieren, nicht den Eindruck kriegen, dass sie wertlos sind? Wie wir keine psychischen Schwierigkeiten bekommen, wenn ein großer Teil unserer Sichtbarkeit nur als Problem angesehen wird?
Wie soll sich das schon anfühlen, wenn einem ein Zahnarzt Diättipps gibt, obwohl mit den Zähnen alles völlig in Ordnung ist?
Wenn man keine richtigen Diagnosen bekommt, weil die aufgesuchten Ärzt:innen erstmal eine Gewichtsreduktion vorschlagen?
Wenn man für gesunden Einkauf, zuckerfreie Getränke oder Sport angestarrt wird?
Wenn man seinen Körper mit mehr Stoff bedeckt, als es sich gut anfühlt, weil man die Blicke nicht erträgt?
Wenn man „all der guten Ratschläge“ zum Trotz keine dauerhafte Gewichtsreduktion schafft?
Versteht mich nicht falsch.
Jeder Mensch kann ein beschissenes Körpergefühl haben, denn mittlerweile sind fast alle Menschen von Körpernormierungen betroffen. Aber dünne, weiße, able-bodied Menschen haben KEINEN Schimmer wie es ist, als nicht-weiße, nicht-dünne, nicht-able-bodied Person in unserer Gesellschaft zu leben.
Sie haben keinen Schimmer, was ihr „#bodypositivity“ unter ihrem „hihihi, ich hab mich getraut fast nichts zu tragen bei einem Fotoshooting mit meinem weißen Normkörper“-Foto für ein Bild hervorruft.
Dieser Post ist mir unangenehm.
Weil ich verlernt habe, mich zu lieben und zu respektieren.
Weil ich auf Menschen gehört habe, die keine Ahnung von meinem Körper oder meiner Gesundheit haben.
Weil ich an zu vielen Tagen immer noch glaube auf Grund meines Körpers nicht liebenswert zu sein.
Weil ich nicht den Blick auf den Elefanten im Raum (mich) lenken will.
Weil ich mir selbst noch zu oft vorwerfe fett zu sein.
Weil er zeigt, dass ich nicht noch stärker bin.
Weil er beweist, wie sehr ich manchmal im toxischen Mythos von „The Good Fattie“ aufgehe.
Weil mein Körper zwar fett ist, aber weiß und ich able-bodied bin.
Weil ich „Glück“ mit meiner Fettverteilung und daher eine Taille und große Brüste habe.
Weil dieser Post wenig verhältnismäßig wenig differenziert und dafür um so persönlich ist.
Weil ich wirklich, wirklich nicht gerne über meinen Körper spreche. Denn wenn ich über meinen Körper spreche, dann tun es auch andere und erfahrungsgemäß sind diese Stimmen selten nett.
Dieser Post ist mir unangenehm.
Weil ich mit und zeitgleich gegen meinen Körper kämpfe.
Es ist mir unangenehm, über Fettfeindlichkeit zu schreiben, weil ich weiß, wie sie sich anfühlt und weil ich sie am liebsten wegignorieren möchte.
Es ist mir unangenehm, meinen Körper, der für mich sehr persönlich und intim ist, so ins Licht zu rücken, dass man wirklich alles daran sieht.
Es ist mir unangehm, meine Hülle anstatt meines Inhaltes zu besprechen.
Ich bin eine dicke, fette, plussize, mollige, curvy, moppelige, pummelige Person, die auf Bühnen steht, sichtbar ist und als Frau gelesen wird und ich bin SO UNFASSBAR pissed, dass das revolutionär ist.
Und ich bin noch viel, viel wütender, dass das als revolutionärer und stärker gesehen wird, als meine Gedanken, meine Ideen und meine Träume.
Mein Fettsein ist ein Teil von mir und nicht ich ein Teil meines Fettseins.

 

 

 

2 Gedanken zu “Fett – ein Gastbeitrag

  1. Ich verstehe jeden Satz. Und ich verstehe die Wut. Es ist eine bodenlose Unverschämtheit, dass man sich für jeden Bissen rechtfertigen soll, sobald der BMI etwas höher ist. Und dass man selbst angestarrt und angemacht wird, wenn man grade NICHTS isst oder Sport macht. Unglaublich. Unglaublich mies. Nur einen Satz verstehe ich nicht: weshalb ist „du bist nicht fett, du bist hübsch!“ kein Kompliment? (Ich bin sicher, Du siehst toll aus:))
    Hierzu mein Text, wenn´s erlaubt ist: https://beatekalmbach.home.blog/2020/10/18/dick-ist-doof/

  2. Hm,
    ich möchte ehrlich sein. Eines gefällt mir an Artikeln wie diesen überhaupt nicht: Der Vorwurf als schlanker Mensch sei man das implizierte Böse und dürfe sich nicht erdreisten in Sachen Bodypositivity mitzureden. Denn ich finde, das geht jeden etwas an. Und da sollte auch jeder mitreden dürfen. Egal ob weiß, schlank, dick, mit Narben usw. jeder. Und nicht nur gewisse Gruppen, die meinen diesen Begriff für sich allein gepachtet zu haben.
    Ich selbst war nie übergewichtig. Aber ich kann auf eine Geschichte mit Magersucht zurück blicken, auf eine Zeit mit selbstverletzendem Verhalten und Depressionen, resultierend aus Selbsthass und einem verzerrten Selbstbild.
    Die Sache ist die, heute, wenn wir erwachsen sind, kann unsere Vergangenheit, unsere Prägung eine Erklärung für gewisse Dinge sein. Doch letzten Endes ist es unsere Selbstwirksamkeit, welche darüber entscheidet, wie wir heute leben und was wir als Einfluss auf unser Denken und Empfinden zulassen.
    LG

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