Fasten yourself.

Bald ist es wieder so weit: Millionen von Menschen werden versuchen, 40 Tage lang auf etwas zu verzichten, das sie seit ihren letzten Vorsätzen vor 6 Wochen schon wieder verworfen haben.

1/5 der Deutschen will in der Zeit den Wagen öfter stehen lassen, fast 1/4 will weniger ins Internet gehen und/oder grundsätzlich den Computer benutzen. Rund 2/3 wollen eh weniger online sein und sich dafür mehr mit Freunden und Familie treffen – (hoffentlich gehören diese auch zu den 2/3 ;)), dann kommen die meisten mit dem Verzicht auf Nikotin, Zucker, Alkohol und Fleisch.*

Also das Übliche, was man sich schon zum Neujahr vornimmt, was dann allerdings für das gesamte Jahr gelten soll und dann kommt diese Fastenzeit, nur 40 Tage, das ist doch eine machbare Challenge! Man hat der Umwelt was Gutes getan, einem Schwein/Huhn/Rind das Leben gerettet und kann sich dafür etwas auf das imaginäre Karma-Konto schreiben.

Ursprünglich wird das Fasten als freiwilliger Verzicht auf feste Nahrung definiert und ist auf einen bestimmten Zeitraum begrenzt. Normalerweise wird für fünf bis zehn, manchmal aber auch für 14 Tage gefastet. Man müffelt dann, ist schlecht gelaunt und erzählt allen, welch großartige Erfahrung das ist, wenn man endlich Geist und Darm so richtig durchgefeudelt hat. Zack sind 5-10 kg runter und die Glückshormone peitschen einen schon morgens die gute Laune ins Gesicht.

Ich habe auf Twitter gefragt, worauf die Menschen ab Aschermittwoch verzichten werden. Keine Überraschungen, aber in der Tat ein Trend in der Hinsicht, dass man es leid ist, zu verzichten. Das Leben sei kurz genug, Verzicht ist oll, was soll der Scheiß, wir entbehren doch schon andauernd, etc.

Ich finde, dass 40 Tage in der Tat ein guter Zeitkorridor ist, um sich zu challengen, um bestimmte Verhaltensweisen/Denkmuster zu „fasten“, sich bewusst in diesem Zeitrahmen ein Ziel zu setzen um sich selbst richtig herauszufordern und sich mit sich selbst intensiver und bewusster zu beschäftigen. Sich selbst bestimmten Situationen aussetzen und das eigene Verhalten zu reflektieren.

Meine jährliche challenge:
40 Tage weniger Selbstzweifel.
40 Tage weniger Selbsthass.
40 Tage kein Twitter.
40 Tage kein Zucker.
40 Tage mehr Selbstakzeptanz.
40 Tage mehr Bewegung.

Eine Menge Ideen habe ich im Kopf, aber ich möchte was anderes machen. Mich darauf besinnen, wie gut es mir geht. Jeden Tag einer Tatsache bewusst werden, welch ein privilegiertes Leben ich führen darf.

40 Gründe dankbar zu sein.

 

*Quelle

Hör auf zu motzen!

Jeder der mich kennt, weiß …

Das sollte der ursprüngliche Anfang für den Beitrag sein. Je länger ich jedoch darüber nachdachte, musste ich feststellen, dass aus dem Wunschdenken eine Floskel geworden ist.

Deshalb fange ich anders an:

Im Laufe unseres Lebens entwickeln wir sehr viele Eigenarten und Spleens. Das ursprünglich weiße Blatt, das wir mal als Kinder waren, füllt sich mit Strichen und Schnörkeln und Fresken und Labyrinthen und Strichmännchen. Manchmal sind klare Linien zu erkennen, dann sieht es wieder so aus, als wäre an einem Punkt im Leben der Stift abgebrochen, die Farbe verblasst, die Hand unsicher.

Fakt ist, wir lernen. Jede Stunde, jeden Tag unseres Lebens lernen wir dazu. Das führt unweigerlich dazu, dass wir uns verändern und durchaus unsere Meinung, Vorlieben, Einstellungen, Abneigungen ändern und justieren. Manch einer tut das gefühlt andauernd, andere brauchen dafür länger anhaltende Prozesse. Alles hat seine Berechtigung, alles ist legitim.

Es gibt Menschen, die irgendwann Rosenkohl probiert haben und feststellten, dass sie Rosenkohl abscheulich finden. Seitdem sind 30 Jahre vergangen und sie haben nie wieder Rosenkohl probiert und werden es auch niemals mehr tun.

Es gibt Menschen, die irgendwann Rosenkohl probiert haben und feststellten, dass sie Rosenkohl abscheulich finden. Danach probierten sie immer wieder mal – einige davon mochten ihn irgendwann, weil er besonders toll zubereitet war (und man seinen eigentlichen Geschmack nicht mehr wahrnahm) und andere, die ihn immer noch abscheulich finden, aber immer wieder probieren werden.

So weit, so Menschen.

Ich meiner DNA wurde sehr viel Zufriedenheit und Glück verbaut. Ich bin ein sehr zufriedener Mensch, rege mich grundsätzlich nicht über Sachen auf, die ich nicht beeinflussen kann und finde es auch zeitraubend (z.B. das Wetter oder die Dummheit der Menschen, Homöopathie oder Dinge, die längst in den Brunnen gefallen sind). Ich ziehe meine Schlüsse, das ja. Spare mir jedoch die Lebenszeit für das Jetzt und das Morgen.

Neuerdings höre ich öfter Kritik an meinem Verhalten und an meinem Denken und DAS hat mich zum nachdenken gebracht, denn wie kann ein sehr glücklicher Mensch so anecken?

1. Immer regst Du Dich über Mode für Dicke auf.

Ich rege mich darüber auf, dass Menschen, die sich Designer nennen, ihren Job nicht richtig machen.
Die mein Geld haben wollen für Kleidung, die weder richtig sitzt, sich angenehm anfühlt und eigens den Zweck erfüllt, nacktes Fleisch zu verdecken. Auch wenn dieses danach nicht von einem 7,5-Tonner zu unterscheiden ist. Und ich habe nicht vor damit aufzuhören und mich damit zu begnügen, wenn und dass mir etwas passt. Ich möchte kein billiges Plastik von BonPrix an meiner Haut, weil es das in meiner Größe gibt. Ich möchte das GUTE Zeug, aber so, dass es gut passt.

2. Nie hörst Du auf meine Diät-Tipps

Alleine darüber könnte ich Bücher schreiben. Keine Sorge, ich kann meinen Kram im Kopf auch ohne Bücher verarbeiten. Ich lese keine Zeitschriften mehr, die für Frauen gemacht werden (außer BARBARA, outing), weil ich es leid bin, dass andauernd jemand meinen Körper bewertet und meint mir vorschreiben zu müssen, wie ich auszusehen habe. Das ist so unfassbar langweilig, so viel Langweile kann ich gar nicht zusammenkratzen, wenn ich mein Jahrespotential sammeln würde. Und ja, dazu gehören auch Freunde und Familie. Du willst Deine 23. Diät machen, weil Du mit den 22 davon auch schon abgenommen hast? Ich bin sicher, Du findest den Fehler alleine.
Mehr verbrennen als essen. Das ist das ganze Geheimnis und ich brauche meine Lebenszeit für Urlaube, ein gutes Buch, einen Spaziergang am Rhein, Klönschnack mit Freunden beim ESSEN, statt für das Zählen von Kalorien und Punkten und Quinoa-Körnern.

3. Nie gibst Du Dich zufrieden mit dem, was Du hast

Blödsinn. Es geht beides: Zufrieden sein und nach Neuem/Verbesserung streben. Das eine schließt das andere nicht aus. Ich lebe in einer wunderschönen Wohnung, die ich dennoch immer wieder verändere. Wie auch meine Haarfarbe, meine Reisen, mein Auto, meinen Anspruch an Konsumgüter.
Und ich höre mehr auf meine innere Stimme, denn ich habe ihr erlaubt, lauter zu werden.
Ich schlucke nicht mehr so viel runter, sondern lasse meine Mitmenschen wissen, wenn ich ihre Worte als verletzend oder populistisch, rassistisch und dumm halte. Und nehme es in Kauf, dass eine Freundschaft entweder damit klar kommt oder daran zerbricht.
Das „komplizierte“ am älter werden ist, dass die Menschen unterschiedlich reifen und sich verändern. Damit ecken sie mit der Zeit öfter an – auch an ihre Freunde. Ich bin der Meinung, dass eine Freundschaft das aushalten muss und eine neue Sichtweise auf den alten Freund zulassen muss, damit sie noch intensiver und bereichernder werden kann.

Würde ich einer Freundin sagen, dass sie in dem Kleid/Hose „unvorteilhaft“ aussieht? Kommt darauf an. Würde ich einer Freundin sagen, dass mich ihre Worte verletzen? Ja.

4. Du verplanst das Leben ohne Rücksicht auf andere. 

Ja.

 

Vorschlag: Wenn Du das nächste Mal die Lebens- und Handlungsweise von jemandem verteufeln, kritisieren, bashen möchtest, weil sie so ganz anders ist als Deine: Halte inne und frag stattdessen neugierig nach dem Grund. Ich bin sicher, es hilft Dir dabei, Deinen Horizont zu erweitern.

 

 

 

From fast fashion to fair fashion

Berufsbedingt schaue ich mir viele YouTuber an, die unterschiedlichen Content produzieren.
Einige testen die neuesten technischen Gadgets aus, andere kochen (die mag ich sehr), noch andere beschäftigen sich mit dem Segment „Schönheit und Pflege“, und wiederum andere mit „Fashion“. Es ist deren Job, jede Woche alle Handelsketten von Zara, H&M, etc. abzuklappern, mehrmals die Woche ihre Einkäufe bei dm und Rossmann zu erledigen, um 1-3x die Woche für die einzelnen Marken das animierte Werbeprospekt zu werden.
Und dann sitze ich da und glotze Werbung. Freiwillig. Wie Millionen von Fans auch, die nicht mehr gerne Fernsehen schauen, weil man dort die Werbung nicht wegklicken kann.
Einerseits fasziniert, andererseits sehr nachdenklich.

Alle 2 Wochen gibt es neue Klamotten bei den „fast fashion“-Stores. Sie sind billig, oft von schlechter Qualität und definitiv unter zweifelhaften Bedingungen hergestellt und wir kaufen sie, weil wir es uns leisten können, auch wenn sie aufgrund der Schnelllebigkeit der Branche in 4 Wochen nicht mehr „in“ sind.
Wir kaufen sie vielleicht auch, weil wir nicht darüber nachdenken, sondern es einfach haben wollen. Wir kaufen nicht, weil wir sonst nackt wären oder frören.
Manche kaufen auch billig, weil sie es sich nicht anders leisten können.

Wie überglücklich ich war, als André Kossmann, der seine Sportkleidung in Deutschland produziert, diese auch in größeren Größen rausbrachte und kaufte mir gleich 2 Laufhosen, die ich seit mindestens 5 Jahren ständig trage und weine darüber, dass er diese Linie eingestellt hat, weil der Bedarf nicht da war, weil kaum jemand mehr als 19,99€ für eine unfassbar tolle Laufhose ausgeben wollte, die perfekt sitzt, nicht durchscheuert, ribbelt, pillt, etc. und auch noch in Deutschland produziert wurde.

Ich feierte Sina Trinkwälder, als sie mit ihrem Label manomama neben den tollen Taschen für dm auch noch anfing Kleidung in Deutschland zu produzieren und auch in größeren Größen, auch wenn ich hier leider nicht mit den Schnitten glücklich bin, denn das ist ein Problem von den meisten, die sich in diese Gewässer trauen: Aus einer 38 machst Du keine gut sitzende 48, indem Du etwas mehr Stoff rechts und link dran nähst. Sucht man jedoch hier bei Google nach Kleidung in großen Größen, qualitativ hochwertig, in D produziert .. sucht man lange.

Seit geraumer Zeit versuche ich nur Produkte zu kaufen, die ich wirklich brauche. Eine neue Jeans, wenn die alte nicht mehr passt oder nicht mehr reparierbar ist. Schuhe, wenn die alten kaputt sind, der Schuster den Kopf schüttelt oder sie doch rettungslos müffeln 😉 Ich trage meine Kleidung auf, mein Winterparka ist mindestens 12 Jahre alt, eine zweite Winterjacke 5 Jahre alt. Ich kaufe mir nicht jedes Jahr ein neues Paar Stiefel, es mag seltsam klingen, aber es gibt so Klassiker, die man 20 Jahre tragen kann.

Ich habe ein Shampoo, ein Duschgel, eine Pflegespülung, ein Parfum, etc. jeweils im Gebrauch und nicht mehrere davon, Ich versuche – so gut es geht – Seifen als Seifenstück zu kaufen, Shampoo als Seifenstück zu kaufen, etc. um Plastik zu sparen.

Livia Firth (eine italienische Filmproduzentin, die sich vor allem Dokumentarfilmen widmet) sagte: „Fast Fashion is like fast food, after the sugar rush it just leaves a bad taste in your mouth“

Eine meiner liebsten YouTuberinnen ist Justine Leconte (Unter dem link stellt sie sich selbst wunderbar vor!). Sie ist eine französische Modedesignerin, die in Berlin lebt und arbeitet und so sehr mit dieser „fast fashion“ hadert, dass sie ihr eigenes Label rausgebracht hat, um Kleidung herzustellen die passt, das Geld wert ist, haltbar und nicht einfach von Woche zu Woche ersetzbar ist.

In ihren Videos gibt sie sehr viele Tipps darüber, was welchen Figur-Typen steht, ist sehr höflich, ehrlich und unglaublich charmant.

Ich mag YouTuber, die mich über mein Konsumverhalten zum nachdenken bringen. Und die, die kochen können.

Hier ist hier Ted Talk zum Thema „From fast fashion to fair fashion“

Bist Du sozial loyal?

Jeden Morgen beginne ich den Tag mit einer kleinen Runde durch mein soziales Gewissen, indem ich mir bei Instagram Tipps und gut gemeinte Ratschläge abhole. Nicht, dass ich sie bestellt hätte, das ist ja das Großartige an diesen sozialen Netzwerken: Man bekommt sie einfach so frei Haus und ja, man möchte sie auch haben, denn sonst hätte man ja das Bild von der Leberwurstbemme ja nicht da hochgeladen, sondern ins Tagebuch gemalt. Also lese ich, dass ich mein Bio-Rinderhackfleisch bitte nicht abgepackt im Supermarkt kaufen soll, sondern gefälligst direkt von der Metzgerei und mein Obst schälen soll, in der Haut seien eh nur noch Pestizide statt Vitamine.

Bei Twitter lerne ich, worüber ich heute gefälligst zu twittern habe, denn es kann ja nicht sein, dass schon wieder ein Promi Selbstmord begehen muss, damit ich co-betroffen in puncto Depression bin.

Und überhaupt: Müssen die Frauen weltweit erst den #metoo verwenden, damit ich mir Gedanken darüber mache, ob ich mich von Männern sexuell belästigt und unterjocht fühle? Immerhin würde ich ja mein Profilbild in den jeweiligen Farben des vom Terrorismus betroffenen Landes färben, aber vergesse darüber hinaus, meine Betroffenheit ob der Kinderarmut in Deutschland zu äußern.

Und was ist mit den männlichen Küken, den überfahrenen Igeln, den Kröten, die die Umleitungsschilder für die eigens für sie gebaute Unterführung wieder nicht im Kröten-Anzeiger gelesen und sich haben überfahren lassen?

Was ist mit den Frauen, die eigentlich Männer sind, die Männer, die eigentlich noch Kinder sind und habe ich meine Großeltern schon angerufen, solange sie noch leben, denn dann ist es zu spät und dann habe ich den Schlamassel und konnte nicht aufarbeiten, werde depressiv und dann müssen alle ihre Profilbilder in den Farben meines Familienwappens färben.

Über Facebook rede ich erst gar nicht. Da schaue ich mir nur meine nächsten Reiseziele an, aber muss vorher noch 12 Tests machen, ob ich auch wirklich sicher bin, wie man sich die Hände richtig wäscht und welcher Scheidenpilz-Typ ich bin.

Ihr merkt, es ist ein wenig überzogen*.

Ich bin überzeugt davon, dass der Mensch mit einem Selbstschutz-Mechanismus ausgestattet ist, der verhindert, dass wir ALLES so nahe an uns ranlassen, dass es uns lebensunfähig macht. Kennt ihr das?

Da gibt es diese Abkürzung von der Bahn nach Hause, sie verläuft etwas abgelegen an einer Baustelle entlang, links und rechts ist eine dichte Hecke. Wenn ihr diesen Weg nehmt, seid ihr in 5 Minuten zuhause, statt außen rum zu laufen. Den Weg nehmt ihr jeden Tag, ohne darüber nachzudenken.

Und jetzt denkt darüber nach: Wäre das im Dunkeln nicht der perfekte Ort, um euch aufzulauern und euch sexuell zu belästigen oder gar zu meucheln? Mit dem Gedanken im Kopf geht ihr den Weg nicht mehr. Nach jedem Horror-Film oder gruseligen Thriller beschleunigt sich unsere Atmung kurz, wenn es auf dem Weg zum Auto irgendwo raschelt.

Ich bin sicher, wir haben diesen Selbstschutz, der Böses filtert, der uns nicht jeden Tag und jede Minute daran denken lässt, dass uns bei 200 km/h auch ein Reifen auf der Autobahn platzen könnte, jemand einen Stein von der Brücke direkt auf unsere Frontscheibe wirft, wir in dem Flugzeug sitzen, das heute abstürzt und warum wir nicht diejenigen sein sollten, die in der eigenen Wohnung abgeschlachtet werden.

Mir ist bewusst, dass dieser Selbstschutz angegriffen wird, oftmals bekommt er irreparable Schäden. Doch was meinen aufrecht hält, ist der Glaube daran, dass es ihn gibt. Und er ist effektiver als die Vorwürfe von mit fremden Menschen in den sozialen (!) Netzwerken, die sich geneigt fühlen mir vorzuschreiben, wem ich heut die Stange halten müsse, da ich ansonsten ein schlechter Mensch wäre und mit verantwortlich dafür, wenn sich jemand, der an Depressionen leidet, das Leben nimmt. Oder wenn eine Frau sexuell belästigt wird, weil ich mich nicht dazu geäußert habe.

Bis mir nicht das Gegenteil bewiesen wurde, werde ich unbekümmert leben, bis ich eines Tages sterbe.

 

*nur an manchen Stellen

 

„Du bist dick.“

Neulich war ich mit meinen 4-jährigen Patenkindern verabredet. Wir wollten mit einer handbetriebenen Fähre über die Sieg fahren – man kann an der Stelle als Erwachsener durch die Sieg laufen, aber für Kinder ist das ein kleines Spektakel.

Es war heiß an dem Tag, ich fuhr mit offenem Verdeck und parkte unter einer Brücke im Schatten. Beim Einparken sah ich einen flachsblonden Jungen mit nacktem Hintern ins Gebüsch pullern, schätzte ihn auf 3 Jahre. Moritz (wie sich später herausstellte) sah mich einparken und das Verdeck schließen und kam mit großen Augen angerannt. Seine Mutter war zu dem Zeitpunkt ein paar Autos weiter fast komplett im Kofferraum eines SUV verschwunden und wickelte die kleine Schwester von Moritz. Folgender Dialog entspann sich:

Moritz: „Du hast ja ein tolles Auto! Was ist das für einer?“
Ich: „Danke schön. Das ist ein Golf Cabrio.“
„Aha! Wir haben sowas nicht. Nur Schiebedach.“
„Das ist doch auch schön, dann kannst Du ja während der Fahrt in den Himmel gucken.“
„Hast Du denn auch Rücksitze? Kann ich mal mitfahren? Kannst Du das Dach nochmal aufmachen?“

Es folgte ein kurzes Fachgespräch über Autos. In der Zwischenzeit gesellte sich die kleine Schwester dazu, die sogleich meine Beine umarmte und sich an mich drückte. Ich wunderte mich ein wenig über die Zutraulichkeit beider Kinder, zumal die Mama nach wie vor in den Kofferraum des Wagens vertieft war und von dort aus nicht sehen konnte, wo ihre Kinder sind. Während also die Kleine mit meinen Beinen kuschelte, fragte Moritz mich, wo meine Kinder denn seien und warum ich jetzt eine kurze Hose anzöge (was etwas schwierig war, da nach wie vor ein extrem süßes Mädchen mit meinen Beinen kuschelte) um dann festzustellen: „Du bist dick. Meine Mama ist nicht dick. Mein Papa auch nicht.“

Puh. Nachdem ich das Messer aus den Speckschichten gezogen hatte, halbwegs wieder die Röte aus meinem Gesicht verbannte und in das offene, lächelnde Gesicht von Moritz schaute, wurde mir klar (abgesehen vom Fakt, dass er offenkundig sehr gute Augen hat), dass er nicht wertete mit seinen 3 Jahren, sondern beobachtete, bzw. feststellte und natürlich damit Recht hatte. Nachdem ich wieder Luft in den Lungen hatte, sagte ich statt „Ey, das sagt man nicht, was soll das?“

„Du hast Recht, Moritz. Ich bin dick und super nett, wie Du auch.“

Woraufhin mir Moritz nochmal die Luft nahm, indem er sagte: „Ich finde Dich hübsch.“

Dann wurde er von seiner Mutter abgepfiffen, die mich fragte, ob ihre Kinder mich belästigt hätten, was ich lachend verneinte, mich allerdings über die Wortwahl ein wenig wunderte.

Ich zog mich um und lief Richtung Siegfähre, wo mir eines meiner Patenkinder entgegenlief und sich, laut meinen Namen rufend, in meine Arme warf. Ich nahm ihn hoch und drückte ihn ganz fest, küsste seine Wange, wurde geküsst und hörte Moritz zu seiner Mama sagen: „Die Frau mit dem Cabrio finde ich hübsch, Mama.“

Ich bin seit 6 Jahren Patentante von Alex und seit 4 Jahren von Jonas und irgendwie auch seinem Zwillingsbruder Niklas. Ich habe ein weiteres männliches Zwillings-Paar im Alter von 3 Jahren, das ich sehr oft sehe und finde es interessant, ab wann aus einer reinen Feststellung/Beobachtung eine Wertung wird. Immer dann, wenn sie es vorgelebt bekommen, von den Eltern, Großeltern, Freunden …

Zuerst ist dick und dünn nur eine Bezeichnung, nicht nur für Menschen, auch für Linien, die man zeichnet oder Formen, die man knetet.

Zuerst ist „behindert“ (wenn man das überhaupt so gebrauchen muss) nicht gleichzusetzen mit „doof“ oder „gaga“ oder „scheisse“.

Zuerst ist schwul nicht „krank“, „behindert“ oder „ekelhaft“, sondern ein bezeichnendes Wort für die Liebe zwischen zwei Männern.

Und so weiter, und so fort.

Wir geben diesen Bezeichnungen einen (meist) abwertenden Stempel. Für Moritz ist es egal, ob ich dick oder dünn bin. In erster Linie war ich zu ihm nett und freundlich.

Schade, dass sich das mit der Zeit verliert.

Political Correctness

flederzombie©

Ich esse Negerküsse, weil
sie mich an meine Kindheit erinnern.

Ich höre Zigeunermusik, weil
ich sie liebe –
Django Reinhardt
vor allem.

Ich will keine Schaumküsse der Langeweile.

Es ist immer dasselbe mit den Menschen:
Sie suchen nicht den Kern,
sie kratzen an der Schale.

Und die Mordlust kommt von
Filmen & Videospielen?

Natürlich,
Ihr Langweiler.
Was denn sonst?

Ich habe in meiner Kindheit noch mit
Ausländern gespielt.

Diskriminierung ist
meinem Denken & Fühlen so fremd,
dass ich sie in
einzelnen Worten
meist
nicht erkennen kann.

Ich sehe Splatterfilme &
fühle mich schlecht, wenn ich
versehentlich
jemandem auf den Fuß trete.

ICH SEHE MENSCHEN!
NICHT DIE WORTE,
DIE SIE ZU BESCHREIBEN VERSUCHEN!

Ich mache Witze über
Krankheiten & Tod.
Auch das tut man nicht.
Die Witze sprießen aus dem Boden
der Angst & des Entsetzens –
gedüngt mit Erfahrung.

Nehmt endlich Eure
Politische Korrektheit
– sie ist rein…

Ursprünglichen Post anzeigen 40 weitere Wörter

Danke Mama. 

Mit 63 Jahren geht meine wunderbare Mama dieses Jahr in den verdienten Ruhestand. Sie hatte gestern ihren letzten Arbeitstag. Als ich sie anrief, klang sei ein wenig bedrückt. Ich fragte, wie es denn gewesen sei, zum letzten Mal durch das Tor der Fabrik zu gehen, in der sie die letzten knapp 30 Jahre an diversen Maschinen und Fließbändern gearbeitet hat.

„Ganz komisch“, sagte sie. Um sie aufzumuntern, erzählte ich ihr davon, dass wir ihr einen Flug nach Polen gebucht haben, damit sie Oma besuchen kann. Sie versteht noch nicht, im Laufe des Gesprächs bringe ich sie mehrmals zum lachen. Immer wieder sagt sie „Ah kochanie“ (Ah Liebling) und dann lacht sie.

Meine Mama ist ein ganz besonderer Schlag Mensch. Nachdem sie 3 ganz hervorragende Kinder großgezogen hat – durch alle Höhen und Tiefen des Sozialismus, Kalten Krieges, Lebensmittelrationierung, der Flucht nach Deutschland, unbekannter Sprache und der knapp 30 Jahre Arbeit in einer (elenden, menschenverachtenden, unterbezahlenden, ausbeutenden) Kuchenfabrik, möchte ich sie salben, umarmen, in Watte packen, ihre Hände streicheln und ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Sie bringt mich an den Rand meiner exquisiten Erziehung, die ich ihr zu verdanken habe, wenn sie noch heute an mir rumerzieht, in ihrer sehr eigenen Art. Die Dialoge velaufen in der Regel folgendermaßen:

„Liebling, meine Süße, (das noch auf polnisch, dann kommt) meine Tochter (das schon etwas strenger), isst Du jeden Tag ein/e [beliebiges Obst/Gemüse/Körner/Essigessenzen einfügen]?“
„Nein, nicht jeden Tag.“
„Solltest Du aber, ist gut für/gegen [irgendwas, was ich nicht habe oder habe oder nicht brauche], aber nur ein/e. Sonst geht es Dir schlechter als besser.“

oder

„Ok, Mama, dann bis Ostern/Weihnachten/Morgen/Samstag.“
„Abwarten, so Gott will, mein Liebling.“
„Der soll sich da raushalten.“
„Ich werde für Dich beten.“

oder

[jeden beliebigen christlichen und selbst ausgedachten familliären Feiertag einfügen]

„Warst Du in der Kirche, meine Große?“
„Nein, ich bin ausgetreten.“
„Als ob sie Dich nach dem Ausweis fragen würden! Du könntest wenigstens an [jeden beliebigen christlichen und selbst ausgedachten familliären Feiertag einfügen] zu Gott beten.“
„In der Bibel steht „Gott ist überall“, ich könnte also auch auf dem K“
„Wag es ja nicht!“

oder

„In der [Titel eines beliebigen „Frauen-Blättchens“ einfügen] steht, wenn man [den Namen eines beliebigen Grundnahrungsmittels eintragen] isst, dann nimmt man [mindestens die geschätzte Hälfte meines Gewichtes] ab. Probier das doch mal, nur eine Woche. Ich sage das nur, weil ich Dich liebe.“

Auch schön:

„Nicht über die Schwelle verabschieden, das bringt Unglück.“
„Nicht den Teller ablecken, davon fallen einem die Haare aus.“
„Nicht die Blumen schenken, davon wird die Beschenkte hässlich.“
„Nichts ist unmöglich mein Kind, außer nen Schirm im Arsch aufspannen.“

(Davon sagen wir ihr besser nichts:

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Und doch hat niemand meine beruflichen und privaten Erfolge so gefeiert, wie sie. Kaum jemand hat mich so dabei unterstützt, meinen Weg zu gehen und immer da zu sein, wenn ich z.B. heulend vor einer Mandel-OP im Alter von 25 Jahren bei ihr anrief, weil ich Angst hatte.

Als ich den Rentenbescheid sah, kam mir buchstäblich die Galle hoch …
Inklusive Gewissensbisse ob meiner Entlohnung für geistige Arbeit im Vergleich zu ihrer Schufterei und einer beschämenden, demütigen Dankbarkeit für ihren Mut dafür, vor 29 Jahren ihre Kinder und ihren Mann ins Ungewisse begleitet zu haben und ihre Eltern & Geschwister zurückzulassen.

Diese Mutterliebe ist mit das krasseste, was mir diese Frau immer wieder gezeigt hat. Und damit meine ich auch die Tatsache, dass sie von mir gebastelte Dinge behielt. Trotz des Vollbesitzes ihrer geistigen Kräfte.

Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, ihr zu ihren Lebzeiten dafür zu danken und es nicht bereuen zu lassen, auch wenn sie sich ihr Leben womöglich anders vorgestellt hat.

Dziekuje, Mamusiu.

❤️

Mimis Granola

Jetzt kocht sie auch noch!

Ein bisschen British Columbia im Glas – #MegCan

Twitter ist ja nicht nur ein Ort für Wortspiele und Whatsapp-Bilder-Vorlagen, manchmal lernt man* dort auch grandiose Menschen kennen und kann sie ein Stück virtuell begleiten.

So ging es mir mit @meg_gyver, deren erstes Kanada-Abenteuer ich quasi „live“ mitverfolgen durfte. Neben vielen tollen Bildern, Eindrücken, Gartenhänden und Knoblauchzehen, brachte Meg auch ein Granola-Rezept von ihrer Reise mit.
Das Rezept ist von Mimi, von der ich mittlerweile so viel gelesen habe, dass ich schon meine, sie zu kennen. Deswegen auch Mimis Granola.
Meg schickte mir nach ihrer Rückkehr ein kleines Glas davon und ich habe es ungelogen auf der Arbeit nebenher aufgegessen.

Da ich nicht mehrmals in der Woche Granola-Pakete einfordern wollte, hab ich sie nach dem Rezept gefragt und backe nun 2 mal im Monat das sagenhaft knusprige Zeug.

Hier ist das Rezept für 2 Bleche:

  • 9 cups gemischte Getreideflocken (ich nehme immer…

Ursprünglichen Post anzeigen 213 weitere Wörter

Time for change

In 50 Jahren wird sich die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen erhöht haben. Bis dahin wird in den Ozeanen dieser unfassbar schönen Welt mehr Plastik drin sein als Fisch.
Lass das mal sacken.
Plastik ist toll, weil es ewig hält.

Plastik ist Gift, weil es ewig hält.

Plastik macht Sinn, wenn man ihn immer wieder verwendet (Tupper, z.B.) und so unfassbar unnötig als ‚coffee to go‘-Becher oder Strohhalm.

Ich drehe derzeit an vielen Stellschrauben in meinem Leben/Alltag/Routine: 
Seife zum Haare waschen, als Spülung, als Waschstück (Danke für die Inspiration, Kirstin), keinen Kaffee unterwegs im Wegwerfbecher, Brötchen im Stoffbeutel statt Papiertüte, Zucker in der Papiertüte statt in Plastik, Obst einzeln, statt in Plastik – es sind machbare Kleinigkeiten.

Ich muss aufpassen, dass ich Dich damit nicht nerve, nicht dauernd darauf rumreite, wenn Du einen Becher bei Starbucks nimmst oder Dein Obst in Plastiktüten packst, dennoch bin ich überzeugt davon, kluge und gute Menschen als Freunde zu haben, die zumindest darüber nachdenken, das ein oder andere zu ändern. Auch wenn ich am liebsten schriebe:
ES IST ZU SPÄT ZUM NACHDENKEN.

Es gibt keine Ausreden. 
Fang sofort damit an.

‚From knowing comes caring, from caring comes change.‘

– Craig Leeson 

Nina.

„Immer lachen und arbeiten“, sagt Nina und nickt mit dem Kopf in meine Richtung. Ich lächele sie an, ihre Schicht beginnt, meine endet bald. Ich frage sie auf denglisch nach ihrem Wohlbefinden. Wir kommunizieren in polnisch, englisch und deutsch, sie kommt aus Lettland, sie putzt hier.

Nina ist Mitte/Ende 50, zierlich und blond, sie hat einen schönen Herzmund. An guten Tagen, wenn ihre Wangen rosig sind, trägt sie einen nudefarbenen Lippenstift, der ihr sehr gut steht.
Vor einigen Wochen ging es ihr einige Tage nicht gut, ihre Blutwerte waren nicht okay und sie hatte einen Termin beim Kardiologen, vor dem sie sehr viel Angst hatte. Sie rang ihre Hände, als sie in extrem gebrochenem Sprachenkauderwelsch versuchte mir das zu erzählen.

Ich drückte ihr die Daumen und ihre ringenden Hände, wünschte alles Gute und bat eine Bekannte, mir ein paar aufmunternde Worte auf lettisch zu schreiben. Den Zettel legte ich auf meine Tastatur. Mit einem Bonbon.
Am nächsten Tag stand unter meinen Worten ein „Danke“ auf lettisch. Ohne Bonbon.

Ich sah Nina einige Tage nicht. Immer wieder kam sie mir in den Sinn, wenn ich kurz vor Feierabend die Rollen des Putzwagens auf dem lauten Flurboden hörte.

Gestern war sie wieder da. Sie lächelte, ihre Wangen rosig, der nudefarbene Lippenstift auf dem kleinen Herzmund „Gehen nach Hause, you always work.“

Ich öffnete den Google-Übersetzer, Google Earth und wir unterhielten uns darüber, wo sie bereits in ihrem Leben gearbeitet hat – London, Niagara Falls, Florida – sie putzte, betreute, reiste ihrem Mann hinterher.
Immer wieder ringt sie ihre Hände, fasst sich an die Stirn und flüstert „Oj, oh, alte Nina, alte Nina“, wenn sie nach den richtigen Worten sucht, damit ich sie verstehen kann.

„Neues Medikament ist gut“, sagt sie und dann „Danke“, als sie lächelnd geht.