Danke Mama. 

Mit 63 Jahren geht meine wunderbare Mama dieses Jahr in den verdienten Ruhestand. Sie hatte gestern ihren letzten Arbeitstag. Als ich sie anrief, klang sei ein wenig bedrückt. Ich fragte, wie es denn gewesen sei, zum letzten Mal durch das Tor der Fabrik zu gehen, in der sie die letzten knapp 30 Jahre an diversen Maschinen und Fließbändern gearbeitet hat.

„Ganz komisch“, sagte sie. Um sie aufzumuntern, erzählte ich ihr davon, dass wir ihr einen Flug nach Polen gebucht haben, damit sie Oma besuchen kann. Sie versteht noch nicht, im Laufe des Gesprächs bringe ich sie mehrmals zum lachen. Immer wieder sagt sie „Ah kochanie“ (Ah Liebling) und dann lacht sie.

Meine Mama ist ein ganz besonderer Schlag Mensch. Nachdem sie 3 ganz hervorragende Kinder großgezogen hat – durch alle Höhen und Tiefen des Sozialismus, Kalten Krieges, Lebensmittelrationierung, der Flucht nach Deutschland, unbekannter Sprache und der knapp 30 Jahre Arbeit in einer (elenden, menschenverachtenden, unterbezahlenden, ausbeutenden) Kuchenfabrik, möchte ich sie salben, umarmen, in Watte packen, ihre Hände streicheln und ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Sie bringt mich an den Rand meiner exquisiten Erziehung, die ich ihr zu verdanken habe, wenn sie noch heute an mir rumerzieht, in ihrer sehr eigenen Art. Die Dialoge velaufen in der Regel folgendermaßen:

„Liebling, meine Süße, (das noch auf polnisch, dann kommt) meine Tochter (das schon etwas strenger), isst Du jeden Tag ein/e [beliebiges Obst/Gemüse/Körner/Essigessenzen einfügen]?“
„Nein, nicht jeden Tag.“
„Solltest Du aber, ist gut für/gegen [irgendwas, was ich nicht habe oder habe oder nicht brauche], aber nur ein/e. Sonst geht es Dir schlechter als besser.“

oder

„Ok, Mama, dann bis Ostern/Weihnachten/Morgen/Samstag.“
„Abwarten, so Gott will, mein Liebling.“
„Der soll sich da raushalten.“
„Ich werde für Dich beten.“

oder

[jeden beliebigen christlichen und selbst ausgedachten familliären Feiertag einfügen]

„Warst Du in der Kirche, meine Große?“
„Nein, ich bin ausgetreten.“
„Als ob sie Dich nach dem Ausweis fragen würden! Du könntest wenigstens an [jeden beliebigen christlichen und selbst ausgedachten familliären Feiertag einfügen] zu Gott beten.“
„In der Bibel steht „Gott ist überall“, ich könnte also auch auf dem K“
„Wag es ja nicht!“

oder

„In der [Titel eines beliebigen „Frauen-Blättchens“ einfügen] steht, wenn man [den Namen eines beliebigen Grundnahrungsmittels eintragen] isst, dann nimmt man [mindestens die geschätzte Hälfte meines Gewichtes] ab. Probier das doch mal, nur eine Woche. Ich sage das nur, weil ich Dich liebe.“

Auch schön:

„Nicht über die Schwelle verabschieden, das bringt Unglück.“
„Nicht den Teller ablecken, davon fallen einem die Haare aus.“
„Nicht die Blumen schenken, davon wird die Beschenkte hässlich.“
„Nichts ist unmöglich mein Kind, außer nen Schirm im Arsch aufspannen.“

(Davon sagen wir ihr besser nichts:

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Und doch hat niemand meine beruflichen und privaten Erfolge so gefeiert, wie sie. Kaum jemand hat mich so dabei unterstützt, meinen Weg zu gehen und immer da zu sein, wenn ich z.B. heulend vor einer Mandel-OP im Alter von 25 Jahren bei ihr anrief, weil ich Angst hatte.

Als ich den Rentenbescheid sah, kam mir buchstäblich die Galle hoch …
Inklusive Gewissensbisse ob meiner Entlohnung für geistige Arbeit im Vergleich zu ihrer Schufterei und einer beschämenden, demütigen Dankbarkeit für ihren Mut dafür, vor 29 Jahren ihre Kinder und ihren Mann ins Ungewisse begleitet zu haben und ihre Eltern & Geschwister zurückzulassen.

Diese Mutterliebe ist mit das krasseste, was mir diese Frau immer wieder gezeigt hat. Und damit meine ich auch die Tatsache, dass sie von mir gebastelte Dinge behielt. Trotz des Vollbesitzes ihrer geistigen Kräfte.

Ich werde alles in meiner Macht stehende tun, ihr zu ihren Lebzeiten dafür zu danken und es nicht bereuen zu lassen, auch wenn sie sich ihr Leben womöglich anders vorgestellt hat.

Dziekuje, Mamusiu.

❤️

Mimis Granola

Jetzt kocht sie auch noch!

Ein bisschen British Columbia im Glas – #MegCan

Twitter ist ja nicht nur ein Ort für Wortspiele und Whatsapp-Bilder-Vorlagen, manchmal lernt man* dort auch grandiose Menschen kennen und kann sie ein Stück virtuell begleiten.

So ging es mir mit @meg_gyver, deren erstes Kanada-Abenteuer ich quasi „live“ mitverfolgen durfte. Neben vielen tollen Bildern, Eindrücken, Gartenhänden und Knoblauchzehen, brachte Meg auch ein Granola-Rezept von ihrer Reise mit.
Das Rezept ist von Mimi, von der ich mittlerweile so viel gelesen habe, dass ich schon meine, sie zu kennen. Deswegen auch Mimis Granola.
Meg schickte mir nach ihrer Rückkehr ein kleines Glas davon und ich habe es ungelogen auf der Arbeit nebenher aufgegessen.

Da ich nicht mehrmals in der Woche Granola-Pakete einfordern wollte, hab ich sie nach dem Rezept gefragt und backe nun 2 mal im Monat das sagenhaft knusprige Zeug.

Hier ist das Rezept für 2 Bleche:

  • 9 cups gemischte Getreideflocken (ich nehme immer…

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Time for change

In 50 Jahren wird sich die Weltbevölkerung auf 10 Milliarden Menschen erhöht haben. Bis dahin wird in den Ozeanen dieser unfassbar schönen Welt mehr Plastik drin sein als Fisch.
Lass das mal sacken.
Plastik ist toll, weil es ewig hält.

Plastik ist Gift, weil es ewig hält.

Plastik macht Sinn, wenn man ihn immer wieder verwendet (Tupper, z.B.) und so unfassbar unnötig als ‚coffee to go‘-Becher oder Strohhalm.

Ich drehe derzeit an vielen Stellschrauben in meinem Leben/Alltag/Routine: 
Seife zum Haare waschen, als Spülung, als Waschstück (Danke für die Inspiration, Kirstin), keinen Kaffee unterwegs im Wegwerfbecher, Brötchen im Stoffbeutel statt Papiertüte, Zucker in der Papiertüte statt in Plastik, Obst einzeln, statt in Plastik – es sind machbare Kleinigkeiten.

Ich muss aufpassen, dass ich Dich damit nicht nerve, nicht dauernd darauf rumreite, wenn Du einen Becher bei Starbucks nimmst oder Dein Obst in Plastiktüten packst, dennoch bin ich überzeugt davon, kluge und gute Menschen als Freunde zu haben, die zumindest darüber nachdenken, das ein oder andere zu ändern. Auch wenn ich am liebsten schriebe:
ES IST ZU SPÄT ZUM NACHDENKEN.

Es gibt keine Ausreden. 
Fang sofort damit an.

‚From knowing comes caring, from caring comes change.‘

– Craig Leeson 

Nina.

„Immer lachen und arbeiten“, sagt Nina und nickt mit dem Kopf in meine Richtung. Ich lächele sie an, ihre Schicht beginnt, meine endet bald. Ich frage sie auf denglisch nach ihrem Wohlbefinden. Wir kommunizieren in polnisch, englisch und deutsch, sie kommt aus Lettland, sie putzt hier.

Nina ist Mitte/Ende 50, zierlich und blond, sie hat einen schönen Herzmund. An guten Tagen, wenn ihre Wangen rosig sind, trägt sie einen nudefarbenen Lippenstift, der ihr sehr gut steht.
Vor einigen Wochen ging es ihr einige Tage nicht gut, ihre Blutwerte waren nicht okay und sie hatte einen Termin beim Kardiologen, vor dem sie sehr viel Angst hatte. Sie rang ihre Hände, als sie in extrem gebrochenem Sprachenkauderwelsch versuchte mir das zu erzählen.

Ich drückte ihr die Daumen und ihre ringenden Hände, wünschte alles Gute und bat eine Bekannte, mir ein paar aufmunternde Worte auf lettisch zu schreiben. Den Zettel legte ich auf meine Tastatur. Mit einem Bonbon.
Am nächsten Tag stand unter meinen Worten ein „Danke“ auf lettisch. Ohne Bonbon.

Ich sah Nina einige Tage nicht. Immer wieder kam sie mir in den Sinn, wenn ich kurz vor Feierabend die Rollen des Putzwagens auf dem lauten Flurboden hörte.

Gestern war sie wieder da. Sie lächelte, ihre Wangen rosig, der nudefarbene Lippenstift auf dem kleinen Herzmund „Gehen nach Hause, you always work.“

Ich öffnete den Google-Übersetzer, Google Earth und wir unterhielten uns darüber, wo sie bereits in ihrem Leben gearbeitet hat – London, Niagara Falls, Florida – sie putzte, betreute, reiste ihrem Mann hinterher.
Immer wieder ringt sie ihre Hände, fasst sich an die Stirn und flüstert „Oj, oh, alte Nina, alte Nina“, wenn sie nach den richtigen Worten sucht, damit ich sie verstehen kann.

„Neues Medikament ist gut“, sagt sie und dann „Danke“, als sie lächelnd geht.

Input overload.

Ich glaube, dass ich dieses Leben zum ersten Mal lebe und das ist nur eine bedingt relevante Erkenntnis,  die weder irgendetwas entschuldigt noch einfacher macht. Dies ist zwar in jedem Kindergarten/Schule/Uni/Job anfangs ein gültiges und anerkanntes Argument, zieht sich jedoch leider nicht durch das Leben.
Irrelevant ist dieses Argument vor allem für das, was nicht durch DIN, Paragraphen, Gesetze und Regeln genormt ist: Die eigene Meinung.

Grundsätzlich hat jeder das Recht auf seine Meinung. In Bezug auf alles. Das ist ein Segen und gleichzeitig unsäglich schwer in Bezug auf so vieles, mit dem unser erstes Leben uns konfrontiert. Denn man erwartet, dass wir eine Meinung haben. Zu allem.

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Noch nie war es so einfach sich zu informieren. Das Wissen in der Handfläche, jederzeit abrufbar. Keine Ausrede mehr, dass man etwas nicht weiß, nicht mitbekommen hat. Es wird nicht mehr diskutiert, nachgedacht, sich erinnert, sondern gegoogelt. Gespräche und Diskussionen werden im Keim erstickt, weil man die Antwort auf jede Frage nachschlagen kann. Dabei und damit geht jedoch leider auch eine Diskussionskultur verloren, der Austausch, die Überzeugung, die eine Meinung manifestierte und stark machte. Einen Menschen authentisch machte. Statt eine eigene Meinung zu formen, senden wir uns YouTube-Links, Tweets, WhatsApp, Artikel und suggerieren damit, das wäre unsere Meinung. Vorerst.

Doch eines nach dem anderen: „Früher“ waren meine Informations- und Wissensquellen meine Eltern, Freunde, Familie, Lehrer und Bücher. Später kam die ein oder andere Zeitschrift hinzu, eine Fernsehsendung und das Radio. Doch damals musste ich weder politisch versiert sein, noch habe ich gravierende Entscheidungen treffen müssen, die mein Leben enorm beeinflussten.

Je mehr wir selbst entscheiden dürfen und müssen, je mehr die mediale Globalisierung voranschreitet und unsere Daten auf den Märkten gehandelt werden, umso mehr müssen wir uns informieren, eine Meinung entwickeln und verteidigen/begründen können:

Reicht mir im Falle einer Berufsunfähigkeit eine Rente von xy € und wem vertraue ich bei der Frage?
Welcher Partei traue ich eher zu, dieses Land erfolgreich/sozial verträglich/etc. zu führen und woran mache ich das fest?
Was genau schreibe ich in meine Patientenverfügung, ohne medizinisches Hintergrundwissen?
Welche Flüchtlingsorganisation ist vertrauenswürdig und wie verlässlich sind die Informationen darüber im Netz?
Ist es okay, die Buttermilch von Müller zu trinken, obwohl es da im III. Reich angeblich irgendein Gekröse gab?
Gibt es Informationen, die „neutral“ sind oder gehört alles, was ich im Netz finde zu einem ausgeklügelte Big Data-Plan und dient ausschließlich der Manipulation?
Ist es okay etwas aus „Die Welt“ zu zitieren oder wäre „Die Süddeutsche“ eine „bessere“ Quelle?
Welcher Meinungsmacher, dem ich folge, ist in Wahrheit noch authentisch?
Soll ich lieber Dieter Nuhr für den Bundeskanzler vorschlagen oder eher Volker Pispers, Serdar Somuncu, Carolin Kebekus oder Dennis aus Hürth?
Ist es okay, Michelle Obama zu feiern oder hat sie ggf. mal was echt Doofes gesagt und ich habe das nur noch nicht mitbekommen?
Ist jeder, der einen anderen Menschen schlägt, ein von Grund auf schlechter Mensch oder hat er ein Kackleben oder Kindheit gehabt und verdient eine zweite Chance?
Bedeutet eine feste Meinung, dass man nicht offen für andere Argumente ist?
Wie fest ist eine feste Meinung, außer in Bezug darauf, dass Rosenkohl nicht hätte erfunden werden dürfen?

Wie gefestigt kann eine Meinung sein, wenn man andauernd mit neuen Hinweisen, Gerüchten, Fakten, getarnten Lügen konfrontiert wird und dann doch justieren muss, außer man ist Zeuge Jehovas oder radikales AfD-Mitglied?
Wie weit kann man sich auf den eigenen gesunden Menschenverstand (und wer diagnostiziert das, außer die 34 Tests bei Facebook) verlassen und sich mit einer Grundeinstellung anfreunden?

Brauchen wir solche Leitfäden, damit wir besser filtern können und auch anderen dabei helfen, dies zu tun?

Wovon wir heutzutage eine Menge haben, das ist Halbwissen. Ich staune oft darüber, wie schnell wir Dinge nachplappern und wie oft wir eine Meinung ändern, wobei ich mir nun sicher bin, dass es keine Meinung ist. Und schon gar nicht die eigene Meinung, aber immerhin haben wir zu dem Thema was gesagt. Und morgen sagen wir was anderes. Je nachdem, wer twittert oder ein YouTube-Video dazu macht.

Es ist schwieriger geworden auseinanderhalten zu können, was wahr ist und was nicht.
Wann und ob wir manipuliert werden.

Kann ich darauf vertrauen, dass die heutige Informations-Landschaft und der Aufklärungsgrad in der Bevölkerung ausreichen und dabei helfen, zu verhindern, dass sich die Geschichte aus dem letzten Jahrhundert wiederholt und haben das die Amerikaner nicht auch geglaubt?

Reicht es, dass ein Ralph Ruthe, Peter Breuer, die politisch versierten Comedians mit ihren Ansprachen, Schauspieler wie Jan Josef Liefers, die immer wieder an die Menschen appellieren, das Hirn einzuschalten, reicht es, dass diese und ganz viele andere Menschen mit ihrem Können, Humor, Wissen ihren Einfluss nutzen, um uns die Vergangenheit nicht vergessen zu lassen? Die uns ermahnen, nicht den Terror zu fürchten, sondern Nächstenliebe zu leben?

Kann ich selbst etwas dazu beitragen, mit Vorurteilen und Mythen aufzuräumen, indem ich den Kopf nicht senke, den Rücken nicht krumm mache, wenn man mir sagt: „Pass bloß auf, Du hast ja gesehen, was mit dem Mädchen passierte, das Flüchtlingen geholfen hat“, obwohl mir ein kalter Schauer über den Rücken läuft ob der offensichtlichen Angst in den Augen dieser Person?

Fakt ist, dass ich nicht weiß, ob das reicht. Ob meine Meinung reicht. Ob meine Meinung Bestand hat.
Ich bin jedoch mehr als bereit, es zu versuchen.

 

„Wer fertig ist, dem ist nichts recht zu machen; ein Werdender wird immer dankbar sein.

– Johann Wolfgang von Goethe

 

Pierogi

Es stand recht früh fest, dass ich meinen runden Geburtstag nicht zuhause feiern möchte. Wer in der Fastenzeit in Polen geboren ist, hat als Kind in Bezug auf Geburtstage eh bescheidene Karten gezogen. Zumindest in meiner Familie. In der Fastenzeit werden keine Feste gefeiert. somit habe ich nie wirklich viel Hehl um diesen Tag gemacht. Bis ich in der Pubertät in Deutschland zu Geburtstagen eingeladen wurde und feststellte, wie schön das ist, wenn sich einen Tag lang alles um einen dreht, die Leute besonders nett sind, die Mamas das Lieblingsessen kochen und man schöne Geschenke bekommt. Änderte nichts daran, dass ich selbst meinen nicht feierte.

Wohin also? Wellness in Reykjavik? Entspannung in Prag? Verstecken in Helsinki? Oder eine Reise in die Heimat? Ausschlaggebend war der 88. Geburtstag meiner Großmutter, die ich bereits seit mehr als 5 Jahren nicht gesehen hatte und die nur 6 Tage vor mir „feiert“.  Also Oma besuchen und dann für ein paar Tage nach Krakau, eine der schönsten Städte der Welt. Mit Smok (Wawelski) und einem Smog, der dazu führt, dass man Popel aus der Nase rausoperieren möchte und weiße T-Shirts am nächsten Tag nicht mehr anzieht.

Meine Sprachkenntnisse sind nach wie vor beeindruckend, wenn man bedenkt, dass ich seit 28 Jahren in Deutschland „zu Besuch“ bin. Ich telefoniere jedoch regelmäßig mit Oma. Manchmal aus Pflichtgefühl, wenn Mama wieder daran erinnert, dass Oma Namenstag hat oder „Oma-Tag“ oder „Tag des 2. Vornamens des Schwagers …“ – an Feiertagen mangelt es in Polen nicht, das ist klar – aber auch wissend darum, dass sie im Dorf recht einsam ist und sie gerne zuhört, wenn ich von meinen Reisen erzähle oder sich darüber amüsiert, wenn sie mich wieder mal ein Wort minutenlang umschreiben lässt, weil es mir auf polnisch nicht einfällt. Außerdem sagte sie mal: „Mein Mädchen, meine Große, Du hast ein Lachen, das macht einem das Sterben doppelt so schwer“ – also halte ich mich dran, so schnell lasse ich sie nicht gehen. Zumal Oma mit 88 an diversen „alte Leuten-Leiden leidet“, im Kopf jedoch nach wie vor so scharf ist, wie eine polnische Rasierklinge. Sie abonniert eine antiklerikale Zeitung, schaut Nachrichten und liest sehr gerne.

Ich bin das drittälteste von 10 Enkelkindern.

Das wird keine tränenreiche „Oma kocht das Lieblingsessen und wir lächeln uns stundenlang an und verstehen einander ohne Worte“-Geschichte. Die Oma meines Herzens und meiner Seele ist bereits gegangen. Diese Oma ist eine, die ihre Kinder und Enkel mit strenger Hand erzog und führte. Fürsorglich, jedoch nicht umgarnend. Ihre Anerkennung und Liebe musste man sich verdienen: Durch gute Schulnoten, einwandfreien Gehorsam, Fleiß, Geschickt in der Handarbeit (an der Stelle musste ich in allen anderen Kategorien doppelt so hart arbeiten, da gänzlich ungeschickt) und nochmal Gehorsam.


Diese Frau ist resolut, streng, kommt ohne Umschweife auf den Punkt, nimmt kein Blatt vor den Mund und kann einen problemlos vor der gesamten Familie bloßstellen. Ohne, dass sie es darauf anlegt. Als fest stand, dass ich sie sehen werde, habe ich ernsthaft Bauchschmerzen bekommen bei dem Gedanken daran, wie sie mich einem großmütterlichen body check unterzieht, bei dem James Bond und Putin in die Hose machen würden. Seit ich denken kann, hat sie an allen rumgemäkelt: Zu dick, zu dünn, zu lange/kurze Haare, zu wenig/zu viel hiervon oder davon.______________

Ich hatte ganz vergessen, dass ich diesen Text in den Entwürfen hatte. Die Reise ist bereits einige Monate her und was soll ich sagen: Ich habe ihr eine Ansage gemacht. Und danach hatten wir 2 richtig schöne Tage mit vielen Gesprächen. Ich habe sie als Quelle förmlich ausgesaugt: All ihr Wissen über meine Mama, über meine Kindheit, ihre Kindheit und Jugend, über das Leben an sich, ihre Ansichten darüber, was sie bereut und worauf sie stolz ist.

Wer weiß, ob ich sie nochmal sehen werde. Es war eine gute Reise. Und eine längst überfällige.

 

 

Hübscher Pragmatismus.

„Wie pragmatisch Du bist.“

Ein Satz, den ich die ersten 30-35 Jahre meines Lebens nicht gehört habe. Pragmatische Menschen kenne ich zu Hauf, 3/4 meiner engsten Familie ist enorm pragmatisch, was die Differenzen zu mir enorm deutlich machte. Ich glaube nicht an Horoskope, bin jedoch fasziniert von den Charaktereigenschaften einzelner Sternzeichen-Gruppen. Am interessantesten finde ich Zwillinge und Fische.

Vor Ewigkeiten habe ich mal gehört, dass die Menschen ab ca. 35 die Charaktereigenschaften ihres eigenen Sternzeichens ablegen und nach und nach die des Aszendenten annehmen, Alter. Das wollte ich nicht. Aber darum geht es hier nicht. Es geht darum, dass ich nun pragmatisch(er) bin. Das ist nicht über Nacht passiert, es war ein schleichender Prozess, der sich nach und nach offenbarte und sein Gesicht in vielen Nuancen der Zwischenmenschlichkeit zeigte, aber auch in Bezug auf die Betrachtungsweise des Lebens. Des eigenen Lebens.

Die erste Hälfte des Lebens lebst Du, um anderen zu gefallen und gerecht zu werden. Dann stellst Du fest, die 2. Hälfte ist womöglich keine.

Ich bin ein unfassbar harmonieliebender Mensch, um den Preis des eigenen „Unglücks“ in Form von nachgeben, einstecken, zurückstecken. Ich streite nicht und diskutiere auch nicht bis aufs Blut, ich werde nicht laut und niemals persönlich oder verletzend. Damit bin ich immer sehr gut gefahren, habe keine Entscheidung bereut, stets in Ruhe und Frieden gelebt und rosapuderiger Harmonie. Lieber steckte ich ein, als dass ich jemanden verletzt hätte. Kritik schluckte ich runter, fraß sie regelrecht in mich. Nicht nur im übertragenen Sinne. Dabei wurde ich fast nur aufgrund meines Aussehens kritisiert und auch nur von den Liebsten, den Engsten, denen, die man nicht verletzt.

Während ich mir diese Zeilen schwarz auf weiß ein- und vor allen Dingen zugestehe, spüre ich etwas Säure im Bauch. Es hat über 35 Jahre gedauert, bis ein leiser Widerstand in mir anfing zu brodeln, der sich anfangs so subtil äusserte, dass ich ihn kaum wahrnahm.

„Wie pragmatisch Du bist.“
„Sowas kenne ich gar nicht von Dir.“
„Das hat Dich doch sonst nie gestört.“
„Sei nicht sauer, ich meine es doch nur gut mit Dir.“

Das waren Codes, die ich nun endlich entzifferte. Ich hatte plötzlich Lust auf Widerstand, auf „Nein“ sagen, auf anecken, auf Provokation, auf Protest, auf „Lass mich!“ und „Leck mich!“

Herrgott, eckte ich damit an. Erstmal nur so mit dem kleinen Zeh, dann auch mit dem Hintern, Kopf und Herzen. Aber es fühlte sich gut an, es fühlte sich aber auch fremd und kühl an.

Vor 3 Monaten beschloss ich, meine Oma in Polen zu besuchen. Sie würde 88 Jahre alt werden und ich hatte sie seit 5 Jahren nicht gesehen. Ich möchte nicht lügen, das würde keine herzergreifende Geschichte werden, dafür verbindet mich nicht sehr viel Emotionales mit dieser Frau. Ich liebe sie, weil sie meine Oma ist. Meine große Oma-Liebe ist bereits gegangen.

Meine Oma ist eine große Kritikerin vor dem Herrn. Sie liebt mich. Mein Lachen, meine Intelligenz, meinen Lebensstil. Sie kritisiert seit ich denken kann meinen Körper. Jeden anderen auch, aber hier geht es um mich. Das machte sie immer, vor allem Leuten führte sie mich vor, tastete mich ab, mäkelte hier und da und sonderte hämische Sätze ab, um mich 5 Minuten später zu maßregeln, wenn ich nicht alles von der überdimensionierten Essensportion aufaß. „Damals im Krieg …“ – man kennt das ja.

3 Monate dachte ich darüber nach, was ich sagen würde, wenn sie wieder damit anfinge. 3 Monate lang überlegte ich mir schlaue Sätze und Beschwichtigungen. Als ich ankam und noch vor dem „Hallo, schön, dass Du da bist“ einen unnötigen Kommentar hörte, wurde ich sehr ruhig und gefasst. Und dachte an einen Tweet, einen, den ich immer und immer und immer wieder wie ein Mantra jeden Tag vor mich hin flüstere:

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Und genau das sagte ich. Mit dem Vermerk: „Es reicht. Es reicht wirklich.“

Unter uns … das mag sich gar nicht so groß anfühlen, für jemanden, der an der Stelle eine sensationelle Pointe erwartet hat, aber lasst es mich so sagen: „Das macht nichts. Ich bin in der Hinsicht ziemlich pragmatisch.“

Niemand – und ich meine wirklich NIEMAND – hat das Recht, meinen Körper zu kritisieren.

 

Die hässlichsten Schuhe der Welt. 

Seine schmutzige und rissige Hand, mit den dunklen Rändern unter den Fingernägeln ist fast zu groß für den recht klobigen Schuh. Er hat sie dennoch fast komplett reingeschoben und drückt seine Hand mit dem Schuh drumherum fest gegen seinen Bauch. Konzentriert gleitet er mit einem Staubtuch über die Oberfläche.
„Das ist eine eher seltene Farbe für Schuhe“, sagt er und lächelt, während er farblose Politur auf dem weichen Leder verreibt und gewissenhaft über die Nähte und den neu angebrachten Absatz gleitet. 
„Den habe ich auch ordentlich beim Kleben drücken können, nicht wie bei dem, den Sie letzte Woche vorbeigebracht haben. Solche Schuhe bekomme ich selten. Die meisten sind Wegwerf-Schuhe, für eine Saison, überall wird eingespart, da muss man aufpassen, dass man bei dem Versuch, einen zu reparieren, nicht noch mehr kaputt macht.“

Ich schäme mich fast ein wenig, ihm letzte Woche einen Stiefel gebracht zu haben, der gerade mal 4 Monate alt ist, bei dem ich mir jedoch den Absatz fast komplett abgerissen habe, aber wegwerfen wollte ich ihn ja nicht gleich. 
Er poliert fast liebevoll das alte Leder und ich kann es kaum erwarten, diese Schuhe wieder anzuziehen. Ewigkeiten lagen sie hinten im Schrank, die Absätze abgelaufen, das Innenleben ein wenig desaströs, das Leder abgegriffen. Mein erstes Paar Schuhe, für das ich mehr Geld ausgegeben habe. Es war Liebe auf den ersten Blick, wie bei allen Schuhen, mit dem Unterschied, dass diese gebraucht waren, orange, eckig und klobig. Meine stil-sichere Freundin Maike bezeichnet sie als „die hässlichsten Schuhe der Welt“ und ich traue mich nicht, sie zu tragen, wenn ich sie treffe, denn ich liebe diese Schuhe und werde dann etwas traurig.
Ich bin kein Maßstab und hinsichtlich Schuhe noch nie mit der Mode gegangen. Bei Chucks damals fehlte das Geld, bei den 3 Streifen sowieso, Doc Martens fand ich furchtbar hässlich. Ich trage Schuhe, die kaum jemand trägt, die modischen Eskapaden und Farbreste der Designer, Meine Schuhe sind orange, türkis, lila und auch mal gemischt. Gut, einige „Klassiker“ sind auch dabei. Spaß machen Schuhe, seit ich mir ein Fußbett leisten kann, seit ich Schuhe kaufen kann, bei denen ein Schuster lächelt, während er sie in den Händen hält.
Nun lächele ich aber, als der Mann, der seit 30 Jahren Schuhe repariert sagt, meine Schuhe seien gut und dass ich sicher noch sehr lange Freude daran haben würde, wenn ich sie regelmäßig pflege. „Das Leder“, sagt er und streichelt über die nun glänzende Oberfläche „das ist ein echt Gutes.“

Morgen hole ich einen Mantel beim Schneider ab, an dem 3 Knöpfe abgefallen sind. Und einen Pulli, an dem sich der Saum aufgeribbelt hat. Ich liebe das Lächeln des uralten Griechen mit den riesigen Händen, dem Nadelkissen ums Handgelenk und dem Maßband um den Hals und weiß, dass die Knöpfe nun den Mantel überleben werden. Und seine Zunft auch noch ein Weilchen, solange ich Knöpfe verliere und deshalb den Mantel nicht gleich wegwerfe.