Die Macht der Worte.

Seit ca. zwei Wochen bin ich in einer WhatsApp-Gruppe zum Thema „25-jähriges Stufen-Treffen“ und werde täglich mit Bildern konfrontiert aus der Zeit, in der unsere Mode-Vorbilder BROS, Guns’n’Roses, NKOTB, East 17, Sandra, OMD, Backstreet Boys, Take That, Spice Girls, CITA, Roxette, Soundgarden, Michael Dudikoff, Dolph Lundgren waren und bei mir später noch recht krass die Techno-Szene, wobei man da nicht unbedingt von Mode sprechen kann.

Wir trugen Dauerwellen (und es sei mir an der Stelle verziehen, aber damit sah niemand gut aus, nicht man Michael Cretu), betonten blaue Augen mit blauen Lidschatten, färbten uns die Haare mindestens 1x im Monat in einer Regenbogenfarbe, scheuerten neue Hosen so lange am Bordstein auf, bis die gebraucht aussahen.

Wessen Eltern Kohle hatten, der trug lässig eine Bree-Ledertasche, die natürlich nach 1 Tag nicht mehr neu aussehen durfte, sondern vollgeschmiert und abgefuckt, wofür mich meine Eltern todessicher eigenhändig in einen Gulag nach End-Sibirien gebracht hätten.

Auf unserer Brust prangten Logos wie „United Colors of Benetton“, CHEVIGNON, Pepe Jeans, Chiemsee, Levi’s und die ganz zuckrigen Mädchen trugen alles von Oilily, Wir rochen nach einer Mischung aus „Impulse Mille Fleurs“, die die Kohle hatten ggf. schon CK one und nach Hormonen.

Gefühlt den halben Sommer verbrachten wir im Süßwasserspeicher des Sauerlandes, dem Möhnesee oder vor den Türen von Kneipen wie Pesel oder Kater, weil wir zu jung waren, um reinzugehen. Es sei denn, wir hatten ältere „Freunde“. Wir waren gefühlt ständig draußen. Waren wir drin, überspielten wir stundenlang CDs auf Cassetten. Die Jungs machten ihre 80er Füherscheine. bei den Mädels wichen die Mädchenräder den Mountainbikes. Die ersten trugen Chucks und man rauchte Zigaretten nach angesagten Marken und nicht nach Geschmack. Irish Pubs wurden „in“ und wir tranken Guiness und spielten Billard. An den Wochenenden tanzten wir auf Schaum- oder Popcorn-Parties.

Wir verliebten uns und brachen Herzen. Unsere Herzen wurden gebrochen und heilten wieder. Wir schrieben Liebesbriefe und bekamen welche,

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Ich hatte niemals das Bedürfnis meinem 16-jährigen Ich einen Brief zu schreiben.
Seit zwei Wochen schaue ich die alten Bilder von Klassenfahrten an und sie wecken Erinnerungen an Gespräche, an Worte, an verletzende Worte. Sie werfen einen kleinen Schatten auf die Erinnerungen, die nach Sommer, Möhnesee, den ersten Küssen auf dem Schützenfest.

Die Erinnerungen daran, dass man mir damals schon sagte, ich sei zu dick. Meine Brille sei zu dick. Meine Brüste seien zu groß, meine Füße seien zu groß, meine Ohren seien zu abstehend, meine Hände zu wurstig.

Schaue ich die Bilder heute an, schnürt es mir die Kehle zu, denn ich sehe ein glückliches, hübsches, lebensfrohes Mädchen, welches jeden Tag Rad fuhr, schwimmen ging, Volleyball spielte und ihre Kleidung nicht in Übergrößen-Geschäften kaufte. Ok, meine Kleidung war von C&A und Famila, ich trug keine Markenschuhe und hatte einen NoName-Rucksack statt einer Bree-Ledertasche, mein Mountain-Bike war von Aldi und ich trug Glasbausteine auf der Nase, aber eines war ich nicht, wenn ich mir die Bilder heute so anschaue: Dick und hässlich. Und dennoch werden mit jedem Bild diese Erinnerungen wach und sie lassen sich nicht über die Bilder legen, die ich gefunden habe. Ich war stark, ich war muskulös, ich war fit und gesund, ich war sehr gut in der Schule, ich war sogar durchaus beliebt, ich hatte einen Freund, der eine 80er fuhr und meine Lehrer mochten mich.
Und ich stand heulend vor dem Spiegel und zupfte an meinem Bauch und an meinen Brüsten, die mich anwiderten, je mehr ein Mann sie mochte. Ich hasste meine Grübchen, weil alle Familienmitglieder ihre Finger reinbohrten, ich war unsicher ob meiner Deutschkenntnisse. Wenigstens hatte mich die Pubertät insofern verschont, dass ich keine Pickel hatte.

Wahnsinn, wie viel Macht Worte haben, wenn man sich selbst noch nicht gefunden hat.
Und wie viel Macht sie immer noch haben, wenn man erwachsen geworden ist.

Bitte seid sensibler zu euren Kindern. 

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17 Gedanken zu “Die Macht der Worte.

    • Danke fürs Lesen. Ich wünschte diese Stärke schon damals gehabt zu haben.
      Wobei, wenn ich darüber nachdenke – ich habe mich nicht übel geschlagen. ❤

  1. Du hast Dich hervorragend geschlagen… sage nur kreativ, flippig, etwas abgedreht, fröhlich, freundlich, hilfsbereit und immer ein offenes Ohr. Meine ersten Gedanken an Dich nach ü 25 Jahren.

  2. … sehr schön geschrieben und analysiert. Aber Worte können auch überbewertet werden, wenn sie von irgendwem kommen. Worte sind nur wichtig von wirklichen Freunden. LG

  3. Sehr starker Eintrag, der mich auch zurück in die Zeit um 1993 gebracht hat. Wie heisst es noch in dem alten Witz: 10 von 9 Kindern finden Mobbing gut. Ich war „Opfer“, aber befürchte auch Täter. Mit Segelohren und Pickeln durfte ich damals oft einen Spiessrutenlauf auf dem Schulhof vollziehen. Unglücklicherweise hat diese Unsicherheit auch zu eigenem Fehlverhalten geführt – zu dummen Beleidigungen.
    Damals dachte ich, die Lösung wäre es mit Humor zu nehmen und zusätzlich aufzufallen. (Retropesktive) Ich hab die Hosen verkehrt herum getragen; viel zu weite Hosen. Sollen sie doch über meine Kleidung lachen, dann bleiben meine Segelohren verschont.
    Sogar Bodyshaming war ein Thema: gefühlt hab ich mit 17 aufgehört, zuzunehmen. Immer der Hungerhaken, Spargel, Fritte mit Armen gewesen. Auch in der Familie kam oft der Satz: Du hast Muskeln wie ein Spatz Krampfadern. Den ich dann natürlich für mich gewonnen habe, um in einer Runde genau diesen Witz über mich zu machen. Und wir haben alle gelacht.
    Es hat sich nicht viel geändert, körperlich. Die viel zu großen Ohren sitzen immer noch auf dem dünnen Körper. Aber im Kopf hat sich sehr viel verändert, Gott sei Dank. Daher danke nochmal für diesen
    tollen Text!
    Alles Gute,
    Daniel

    • Danke für Deinen Beitrag, starke Worte. Wie sehr wir damals damit beschäftigt waren, in unserer eigenen kleinen Welt zu bestehen und zu überleben. Jeder wehrte sich auf seine eigene Art und Weise. Ich habe immer den Dicken & Brillen-Witz zuerst gesagt, in der Hoffnung den Leuten den Wind aus den Segeln zu nehmen, die Angriffsfläche zu minimieren (Mist, die Dicke weiß, dass sie dick ist und hat den Witz schon gemacht, als anderes Thema.)
      Wenn ich mich an Dich erinnere, dann sehe ich einen grinsenden Jungen, sehr ausdrucksstarken Augen, ich denke an die viel zu weiten Hosen, an jemanden, der mich oft zum lachen brachte, mit dem ich öfter (mit Nils) zusammen von der Schule nach Hause ging, der sehr nett war. Woran ich nicht denke: Segelohren oder „zu dünn“.

      Ja, im Kopf hat sich vieles verändert und dennoch ist es interessant, was so ein kleiner Trigger in Form eines Bildes von damals an Erinnerungen wach ruft.
      Ich freue mich auf September! 🙂

  4. „Wahnsinn, wie viel Macht Worte haben, wenn man sich selbst noch nicht gefunden hat.
    Und wie viel Macht sie immer noch haben, wenn man erwachsen geworden ist.“

    Wahnsinn wie sehr ich mich in deinem Text wiederfinde. Wie bekannt mir das alles vorkommt. Ich sehe alte Fotos und erkenne quasi genau den Moment, wo Worte anderer plötzlich nachhaltig Wirkung auf mein Verhalten und mein Selbstbild zeigten. Und wie es mich noch heute beeinflusst…

    Danke jedenfalls für deinen starken Text! Deine Mini-Meg wäre stolz auf dich!! ❤

    • Mich dünkt, dass die wenigstens von uns „rechtzeitig“ glücklich werden, indem sie diese Worte an sich abprallen lassen.

      • Ja, das denke/befürchte ich auch. Abprallen lassen ist ja auch schwierig, wenn sie zum Beispiel unter dem meist (familien-internen) Deckmantel „Ist ja nur gut gemeint“ daherkommen… Wie könnte man denn gut gemeinte Ratschläge einfach ignorieren?!

  5. Welche wundervolle Worte die du hier zu Papier gebracht hast… Du brachtest mir mit einem Schlag meine Erinnerungen an diese Zeit zurück… und ganz ehrlich, hätte Ich dich damals gekannt, Ich hätte dich liebend gerne auf meiner 80iger mitgenommen… Liebe Grüße und Danke für diese Zeilen. Ben

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